Schlafmohn als Einnahmequelle: Anbauflächen für Opium nehmen in Afghanistan stark zu

Schlafmohn

Bild: © Wolfgang Horlacher [CC BY-SA 3.0] - Wikimedia Commons

Die Polizisten gehen hart vor: Mit Schlagstöcken gewappnet ziehen sie durch die Mohnfelder und schlagen den Pflanzen die Köpfe ab. Weinend schauen eine Witwe und ihre drei Kinder am Rande des Feldes zu, wie die Polizei ihre Ernte zerstört. Ihr Ehemann ist im Kampf gegen Aufständische getötet worden, erzählt die Frau klagend. Seitdem sei Schlafmohn ihre einzige Einnahmequelle1.

Für viele afghanische Bauernfamilien ist dieser Rohstoff eine zunehmend bedeutende Ertragsmöglichkeit. So sind laut dem UNO-Büro für Drogen- und Verbrechensbekämpfung (UNODC) im letzten Jahr die Anbaugebiete für Schlafmohn in Afghanistan um 18 Prozent auf 154.000 Hektar gewachsen. Aus der Pflanze wird dann Opium hergestellt, das wiederum zu Heroin weiterverarbeitet werden kann. 93% der Opiate auf dem Weltmarkt stammen von afghanischen Schlafmohnpflanzen, das Land ist mit Abstand der größte Opiumproduzent der Welt2.

Obwohl sich die Anbauflächen enorm vergrößerten, nahm gleichzeitig die Produktion des Rauschgiftes laut dem UNODC-Bericht aufgrund von Pflanzenkrankheiten und schlechten Wetterbedingungen ab. So ist die Opiumproduktion aus der Mohnernte von 5.800 Tonnen auf 3.700 Tonnen gegenüber dem Vorjahr gesunken. Durch die schlechten Erträge aus der diesjährigen Ernte ist das Einkommen pro Hektar Anbaufläche von 10.700 Dollar auf 4.600 Dollar gefallen – der Gesamtwert des in Afghanistan hergestellten Rohopiums ist dadurch ebenfalls um etwa die Hälfte auf 700 Millionen Dollar gesunken. Nach sieben Prozent 2011 macht das in diesem Jahr immerhin noch vier Prozent des Bruttoinlandsprodukts aus.3

Obwohl das Einkommen der einheimischen Mohnbauern in diesem Jahr, bedingt durch die Ernteausfälle, um die Hälfte fiel, ist die Versuchung nach wie vor groß, auf die Rauschgiftproduktion zu setzen. Der Anbau der Mohnpflanze und der Handel mit Rohopium ist sehr ertragreich: Die Bauern erhalten trotz des Rückgangs immer noch einen relativ guten Preis von 196 Dollar (153 Euro) pro Kilo Rohopium im Jahr 2012.4 Ein Bauer kann bis zu 30kg Opium im Jahr ernten und kann damit bis zu sechsmal mehr verdienen als mit legalen Produkten. Von dem Erlös kann oft die ganze Familie ernährt werden und die natürlichen Abfälle (Samen, Stängel, Asche) können weiterverwertet werden: «Mohn liefert alles, was wir brauchen», berichtet ein afghanischer Bauer.1

Knapp die Hälfte der Anbauflächen für Schlafmohn liegt laut dem Bericht der UNODC in der Provinz Helmand. Das Gebiet liegt im Süden des Landes und gilt als Taliban-Hochburg2. Eine Studie aus Afghanistan bestätigt den Zusammenhang zwischen dem Drogenanbau und der Präsenz der Taliban: So sprechen sich im Süden Afghanistans nur 39% der Bauern gegen den Anbau von Schlafmohn aus, während im Norden, wo die staatlichen Strukturen stärker gefestigt sind, 61% der Landwirte angeben, keinen Schlafmohn anzubauen, da es verboten sei5. Es ist international bekannt, dass die Taliban in den südlichen Provinzen nach wie vor einen starken Einfluss auf die Bevölkerung ausübt und sich durch den dort angebauten Mohn und den Handel mit Opiaten finanziert.

Die Mohnproduktion ist nicht nur ertragreich, die Pflanze ist auch sehr genügsam: Mohn benötigt wenig Wasser und hält Dürre besser aus als etwa Weizen. Die Pflanze wächst schnell und ist anspruchslos. Daher ist der Anbau auf den kargen, felsigen und bergigen Feldern in Afghanistan sehr erfolgreich. Es genügt, den Samen mit der Hand auszustreuen und später die pralle Kapsel einzuritzen und das Harz zu entnehmen. Hinzu kommt, dass sich gepresstes Opium mehrere Jahre lang lagern lässt – im Gegensatz zu anderen Produkten. In Afghanistan sind 85% der Bevölkerung Landwirte. Die Umstellung auf den Anbau von Weizen oder Melonen ist mühselig, eine Ernte ist nur erfolgreich, wenn der Regen hält und eine Dürreperiode ausbleibt.6

Von dem Geld, mit dem die Regierung Bauern dazu bewegen will, einem legalen Produktanbau nachzugehen, haben viele Landarbeiter noch nie etwas gesehen. Gleichzeitig werden aber tagtäglich Mohnfelder vernichtet. Im letzten Jahr waren es allein 9600 Hektar, die von Sicherheitskräften zerstört wurden.7 So verlieren viele Bauern, wie die Witwe mit ihren drei Kindern, ihre finanzielle Grundlage und damit die Aussicht auf eine alternative Einnahmequelle. Diese strukturellen Hintergründe des Anbaus werden bei der Vernichtung der Felder nicht berücksichtigt.

Die Situation um die Opiumproduktion ist paradox. Einerseits verdient das Land an dem Mohnanbau, viele der Bauern leben von diesem Rohstoff – andererseits finanziert der Drogenhandel auch die Taliban. Die Erlöse aus der Drogenproduktion ermöglichen den radikalen Islamisten ihre Attacken gegen westliche Soldaten. Gleichzeitig erhält die afghanische Regierung Finanzmittel aus dem Westen, die dazu eingesetzt werden sollen, die Taliban und den Drogenhandel – deren primäre Einnahmequelle – und damit auch den Mohnanbau zu bekämpfen. 1

Das heißt, wenn die ausländischen Finanzhilfen nicht enden sollen, muss sich das Land von der Opiumproduktion lossagen und die Schlafmohnfelder müssen verschwinden. Doch so wenig Afghanistan über Nacht zum größten Opiumlieferanten der Welt wurde, so schwer wird es sein, die gut organisierten Strukturen des Mohnanbaus zu schwächen.6 Und solange es keine realistische, ertragfähige Alternative zum Schlafmohn gibt, wird es schwierig sein, die Bauern davon zu überzeugen, legale Produkte anzubauen.

 

  1. National Geographic – Krieg gegen das Opium – nicht mehr verfügbar [] [] []
  2. Die Zeit – Anbau von Schlafmohn in Afghanistan steigt enorm [] []
  3. RP Online – Anbaufläche von Schlafmohn nimmt weiter zu []
  4. Paradisi – Opiumproduktion in afghanistan läuft auf Hochtouren []
  5. DrogenMachtWeltSchmerz – Ursachen: Staatliche und gesellschaftliche Strukturen []
  6. National Geographic – Krieg gegen das Opium – nicht mehr verfügbar [] []
  7. Spiegel Online – Schlafmohn-Felder in Afghanistan wachsen []
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