Foltern für das Geständnis

Bild: © n.v. -

In Mexiko ist die Folter wie ein offenes Geheimnis; man weiß, dass sie praktiziert wird, aber es wird nur unter der Hand davon gesprochen.

In den letzten Jahren ist die Anzahl der Betroffenen dieser grausamen Praxis alarmierend angestiegen, um mehr als 400%. Die Anzeigen haben zugenommen, aber die Mehrzahl der Opfer unternimmt  nichts: aus Angst – und fehlendem Vertrauen in die Behörden, die ironischerweise Hauptakteure in der Anwendung von Folter sind.

Die Folter in Mexiko wird nicht nur exklusiv von den Gruppen der organisierten Kriminalität betrieben, sie wird auch von den Behörden als ein „kriminalistisches Untersuchungswerkzeug“ und „Methode für ein Geständnis“ benutzt. Dies hat sich unter der Regierung von Felipe Calderon (2006-2012) verstärkt und nimmt bis zum heutigen Tage weiter zu. Die Folter ist präsent in jeder Staatsanwaltschaft, jedem Gefängnis, auf jedem Militärstützpunkt.

Es erscheint unvorstellbar, ist aber real. Auf Folter wird in Mexiko oft zurückgegriffen, damit Personen ein Verbrechen gestehen, egal ob sie es begangen haben oder nicht. Sie ist eine „nützliche“ Methode um Schuldige zu finden, obwohl sie unschuldig sind.

 

Zwischen Behörden, Straflosigkeit und Folter

Eine der vielen Geschichten über Folter und Straflosigkeit hat einer der 22 Polizisten – wir nennen  ihn Sergio –die am 7. November 2013 im von der Gewalt gezeichneten Dorf Vista Hermosa im Bundesstaat Michoacan verhaftet wurden, erlebt.

Nach dem Verschwinden der beiden Bundespolizisten René Rojas Márquez und Gabriel Quijados Santiago wurden die kommunalen Polizisten der Dörfer Briseñas (Michoacan), La Barca und Vista Hermosa (Jalisco) dazu aufgerufen, freiwillig eine Aussage zu tätigen. Diesem Aufruf folgten nur die Polizisten von Vista Hermosa.

Sergio fand sich zusammen mit 21 Kollegen in der Anwaltschaft des besagten Dorfes ein, um seine Aussage zu machen. Von dort wurden alle zur Hauptstaatsanwaltschaft nach Morelia gebracht, wo man sie darüber informierte, dass sie in 3 Punkten verdächtigt würden: Teilnahme am Verschwinden der beiden Bundespolizisten und Zusammenarbeit mit den  Drogenkartellen, außerdem sollten sie in die Ermordung von 60 Personen verwickelt sein, deren Körper im November 2013 in mehreren “Narcofosas“ (Massengräbern), zwischen den Bundesstaaten Jalisco und Michoacan, gefunden wurden.

Zwei Tage wurde Sergio dort geschlagen, um ein Verbrechen zu gestehen, das er, wie er sagt, nicht begangen hat. Stundenlang versuchten die Behörden mit Schlägen ein Geständnis von ihm zu bekommen, doch Sergio brach nicht ein und bestand auf seiner Unschuld.

Nach zwei Tagen Prügel in Morelia wurden die Polizisten in das Centro Federal de Arraigo (Federales Zentrum der Untersuchungshaft) nach Mexiko-Stadt gebracht. Dort wurde die physische Folter von der psychischen abgelöst. Auf diese Weise versuchen die Behörden,  eine belastende Aussage von denjenigen zu erzwingen, von denen sie keine Beweise für eine Schuld haben.

Als Teil des mexikanischen Rechtssystems bekamen die verhafteten Polizisten jeweils einen Pflichtverteidiger zugesprochen, die nach Drohungen den Fall aber wieder abgaben.

Nach Gerechtigkeit strebend, begann Sergios Familie nach einem privaten Anwalt zu suchen, doch keiner wollte sich des Falles annehmen – die Drohungen gegen denjenigen der den Fall annehmen würde, waren allseits bekannt.

Bis jetzt ist der einzige „Beweis“ gegen die Polizisten um Sergio, eine Aussage anderer Polizisten, die ebenfalls verhaftet wurden und versichern, dass alle in die Drogenkriminalität involviert seien. Aber knapp 2 Monate nach seiner Verhaftung wurde kein anderes Indiz dafür gefunden.

Heute hat Sergio einen Rechtsanwalt, der ihm von einer NGO für Menschenrechte vermittelt wurde. Obwohl seine Familie keine Drohungen erhalten hat, entschied sie sich zum Schutze ihrer körperlichen Unversehrtheit umzuziehen.

Sergio ist etwas älter als 30, er ist Sohn, Ehemann und Vater. Er sitzt seit fast 60 Tagen in Untersuchungshaft, 20 mehr als es das Gesetz erlaubt. Er versichert weiterhin, unschuldig zu sein, und obwohl es keine Beweise für eine Schuld gibt, wird er von den Behörden wie ein Schuldiger behandelt. Denn für die mexikanischen Gesetze ist er der Schuldige bis das Gegenteil bewiesen wird.

Von 2007 bis zum Jahr 2011 wurden bei der Comisión Nacional de Derecho Humanos (CNDH) (Nationale mexikanische Kommission für Menschenrechte) 110 Anzeigen wegen Folter registriert und 4732 Fälle von Misshandlung. Nichtregierungsorganisationen sprechen jedoch von weit aus höheren Dunkelziffern.

 

Reuters: Casos de tortura crecen en México en medio de lucha antinarco: AI

Amnistía Internacional insta a las autoridades a poner fin a la epidemia de tortura

Llegan a Morelia policías detenidos en Vista Hermosa – nicht mehr verfügbar

Amnistía Internacional alerta sobre impunidad en casos de tortura

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