Tod eines Totgeglaubten

Nachdem Ende Februar der wohl mächtigste Drogenboss Mexikos, ‚El Chapo’, gefasst wurde, gelang der mexikanischen Polizei erneut ein Schlag gegen die Drogenmafia: Am Wochenende wurde der Anführer des mexikanischen Drogenkartells „Caballeros Templarios“ – zu deutsch: Tempelritter – Nazario Moreno von Marinesoldaten erschossen. Nach langwierigen Ermittlungen wurde er in der Region Michoacán, der Hochburg des Tempelritter-Kartells, aufgespürt. Bei einem Festnahmeversuch der mexikanischen Soldaten eröffnete er allerdings das Feuer, worauf er von den Spezialeinheiten erschossen wurde.1 Nachdem Ende Januar bereits der Onkel Morenos, der als eine der mächtigsten Personen innerhalb des Kartells galt, festgenommen wurde, ist dies bereits der zweite Rückschlag für das Tempelritter-Kartell innerhalb kürzester Zeit.2

Moreno, alias „El Chayo“ oder „der Verrückte“, wurde eigentlich bereits 2010 nach einer heftigen Schießerei zwischen Sicherheitskräften und Kartellmitgliedern von der damaligen mexikanischen Regierung um Präsident Felipe Calderón offiziell für tot erklärt – doch seine Leiche wurde niemals gefunden. Seitdem rankten sich zahlreiche Legenden und Gerüchte um ihn, wonach Augenzeugen ihn immer wieder lebend gesehen haben wollten. Und tatsächlich: ‚El Chayo’ hat überlebt und zog im Untergrund weiterhin die Fäden. Die Tempelritter gingen nach seinem vermeintlichen Tod 2010 aus dem „La Familia Michoacana“-Kartell hervor. Sie gelten als das mächtigste Drogenkartell in Michoacán und kontrollieren die Drogengeschäfte in der gesamten Region. Neben dem Drogenschmuggel in die USA werden sie auch mit Schutzgelderpressungen, Vergewaltigungen, Mord und Entführungen in Verbindung gebracht. Obwohl ihre Methoden als sehr brutal und skrupellos gelten, tun sie sich in der Öffentlichkeit als barmherzige Samariter auf, die sich für Frieden und soziale Gerechtigkeit einsetzen: Dazu bauen sie neue Straßen, Schulen und Krankenstationen, geben Kleinbauern Kredite, unterstützen die Ärmsten und versprechen den Bürgern Schutz vor Kriminellen.3

Trotz dieser Wohltaten der Tempelritter fühlen sich viele Bürger in der Region Michoacán den Drogenkartellen schutzlos ausgeliefert. Denn mit der Festnahme ‚El Chapos’ oder der Tötung ‚El Chayos’ hat Mexiko sein Problem mit der Drogenmafia noch längst nicht im Griff. Und solange der Staat nicht in der Lage ist, dies zu ändern, nehmen viele Bürger ihr Schicksal selbst in die Hand und schließen sich deshalb vielerorts zu Bürgerwehren zusammen. Ausgestattet mit Maschinengewehren und schusssicheren Westen kontrollieren die Bewohner ihre Städte und Dörfer und versuchen so die Kartelle aus diesen zu vertreiben.4 Und auch die Regierung setzt zunehmend auf diese bewaffneten Bürger: Seit Ende Januar 2014 sind Bürgerwehren, welche auf eigene Faust für Sicherheit sorgen, in Michoacán legal und werden mit Kommunikationstechnik und Fahrzeugen vom Militär unterstützt. 5

Mit der Legalisierung der Bürgerwehren werden allerdings auch Befürchtungen laut, die davor warnen, dass sich diese ursprünglich friedlich gedachten Zusammenschlüsse zunehmend zu schwer bewaffneten, paramilitärischen Gruppen entwickeln könnten, die völlig unkontrolliert tun und lassen, was sie wollen, solange es zumindest den Anschein hat dem Gemeinwohl und der Sicherheit zu dienen. Doch Gewalt mit Gewalt zu bekämpfen ist nicht der richtige Weg, um den Drogenkrieg zu stoppen. Vielmehr sind diese Bürgerwehren ein Ausdruck der Unfähigkeit und Verzweiflung der Justiz und Polizei und sie werden die Gewalt- und Drogenspirale weiter ankurbeln. Aber sie zeigen auch das fehlende Vertrauen der Bevölkerung in den Polizeiapparat, wodurch sich die Bürger gezwungen sehen, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen.6 Die Polizei und die Regierung müssen also endlich ihren Bürgern zeigen, dass sie bestrebt sind, die Machenschaften der Drogenkartelle und den Drogenhandel aktiv zu bekämpfen. Die Verhaftung bzw. Tötung der zwei mächtigsten Drogenbosse der Welt ist zwar schon mal ein wichtiger Schritt, allerdings reicht dieser bei Weitem nicht aus. Vielmehr müssen die Ursachen für den Drogenhandel und vor allem auch für den ansteigenden Drogenkonsum in der Gesellschaft hinterfragt und bekämpft werden.

  1. Frankfurter Allgemeine Zeitung: Tot geglaubter Tempelritterboss aufgespürt und getötet (zuletzt aufgerufen am 10.03.2014) []
  2. Die Zeit: Drogenkiller im Auftrag Gottes (zuletzt aufgerufen am 10.03.2014) []
  3. Die Zeit: Drogenkiller im Auftrag Gottes (zuletzt aufgerufen am 10.03.2014) []
  4. ARD Tagesschau: Mexiko gegen Bürgerwehren und Drogenkartellen – Artikel nicht mehr aufrufbar []
  5. DrogenMachtWeltSchmerz: Michoacan, Mexiko: Bürgerwehren künftig legal (zuletzt aufgerufen am 10.03.2014) []
  6. Neue Züricher Zeitung: Die Hydra der Bürgerwehren (zuletzt aufgerufen am 10.03.2014) []

Über nicole / earthlink

Ich bin 20 Jahre alt und studiere derzeit Politik- und Kommunikationswissenschaften hier in München. Das Praktikum bei earthlink mache ich, um Erfahrungen im Bereich der entwicklungspolitischen Zusammenarbeit zu sammeln.
Dieser Beitrag wurde unter Internationales abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.