Der Diplomat, der Spieler, der Bürgermeister von Kabul: Hamid Karsai

Bild: © Paul Morse - Wikimedia Commons

Er passte doch so gut. Hamid Karsai, der Liebling des Westens, der Wohlerzogene, der Adelige. Er war der Mann, der ein stabiles Afghanistan errichten, der das Land aus dem Chaos ziehen sollte. Ein erfahrener Diplomat, der es versteht, seinen Gesprächspartnern zu imponieren, der obendrein mit amerikanischem Akzent spricht. „Der modischste Mann auf dem Planeten“, lobpreiste ihn sogar Gucci-Designer Tom Ford.12

Karsai wurde 2001 ohne viel Federlesen die Führung über Afghanistan übergeben. Über ein Jahrzehnt behielt er sie inne. Doch der Hoffnungsträger des Westens konnte die Erwartungen an ihn bei weitem nicht erfüllen. Seit 35 Jahren herrscht in dem Land am Hindukusch die Gewalt.3 Zu einem Frieden mit der Taliban ist es noch ein weiter Weg, in weiten Teilen des Landes behielten Kriegsherren ihre Macht. Bis heute zählt Afghanistan zu den ärmsten Ländern der Welt und die Wirtschaft dümpelt weiter vor sich hin. Währenddessen erleben der Drogenhandel und die Korruption einen Höhepunkt nach dem anderen. Kurz: Karsais Bilanz ist miserabel.1

Der Paschtune Karsai wurde in Kandahar geboren. In den 80er Jahren trat er tatkräftig dem Kampf gegen die Sowjets bei. Als die Taliban dann in Afghanistan Fuß fassten, sympathisierte er mit ihnen – wandte sich aber bald ab und begann, sie aus dem Exil zu bekämpfen. 2001 wurde er zum Interimspräsidenten ernannt. Seine Akzeptanz als Machthaber in Afghanistan stand und steht jedoch auf wackeligen Beinen: beschimpft als „Marionette des Westens“, verspottet wegen seiner geringen Macht als der „Bürgermeister von Kabul“. Kaum im Amt wurde ein Mordanschlag auf Karsai verübt. Doch er blieb präsent, sicherte 2002 in Tokyo über 4 Milliarden Dollar Hilfsgelder und tourte durch die Hauptstädte der Welt. Karsai wurde 2004 zum Präsidenten gewählt, 2009 trat er seine zweite Amtszeit an. Seine Wiederwahl wurde mit lauten Protesten begleitet, es gab massive Vorwürfe zu Wahlbetrug. Internationale Wahlbeobachter sprachen von Unregelmäßigkeiten und Fälschung. Wurde Karsais Legitimität als Präsident vorher angezweifelt, so sprachen sie ihm viele nun gänzlich ab.245

Karsai regierte stets zu seinem Nutzen, er verstand es, sich mit den Clanstrukturen seines Landes zu arrangieren. Wurde ein Gegner zu mächtig, dann band er ihn in seine Regierung ein oder verschaffte ihm hohe Ämter. Nur so konnte er als Staatschef überleben. Karsai, der Spieler.6 Der Präsident geriet in seiner Amtszeit des Öfteren in Kritik: Wegen seiner Sprunghaftigkeit, seinem laschen Vorgehen bezüglich der Taliban oder seiner reaktionären Politik, vor allem in Bezug auf die Rechte von Frauen. Besonders heftige Kritik erntete er wegen seines korrupten Staatsapparats: Erst kürzlich erklärte sein ehemaliger Sprecher, dass seit über zehn Jahren vom CIA Massen an Geldern ins Präsidialamt fließen. Laut der New York Times gingen Millionenbeträge auch an Karsai und seine Berater.7

Doch den erwarteten Einfluss auf Karsai konnte sich der Geheimdienst wohl nicht kaufen. Karsai und der Westen haben sich voneinander abgewandt, das Verhältnis ist mehr als unterkühlt. „Afghanen starben in einem Krieg, der nicht der unsere ist“, sagt er,8 Afghanistan sei „keine Kolonie“.9 Zuletzt weigerte er sich, das Sicherheitsabkommen mit den USA zu unterzeichnen, dass die Stationierung von 10.000 Soldaten vorsah.8 Die Amerikaner hatten sich bereits 2009 unverhohlen gegen ihren früheren Helden gewandt, als sie versuchten, einen anderen Präsidentschaftskandidaten zu puschen.3 Auf diplomatischer Ebene wird der Konflikt herunter gespielt – hinter den Kulissen fallen dagegen umso härtere Urteile. Karsai sei unberechenbar, eine Zusammenarbeit unmöglich.10

In den ganzen zwölf Jahren gelang es Karsai nicht, dem rasanten Anstieg in der Drogenproduktion entgegen zu wirken. Schlafmohnerträge, aus denen Heroin hergestellt wird, decken knapp 90 % des weltweiten Bedarfs. Etwa 3 Million Afghanen sind inzwischen an der Produktion beteiligt, viele regionale Machthaber sind in den Drogenanbau verstrickt. Die Einnahmen fließen zu großen Teilen in terroristische Strukturen, in die Hände einflussreicher Personen oder in verschiedene Geheimdienste.11

Dabei hatte Karsai radikale Ziele im Kampf gegen die Drogen. „Es ist an der Zeit für uns, das Volk, die Älteren und die Gelehrten aufzufordern, ihren Dschihad gegen Opium aufzunehmen“, so Karsai im Jahr 2004.12 Seine Regierung setzte auf die radikale Vernichtung von Schlafmohnfeldern. Damit sollte das Problem quasi an der Wurzel gepackt werden. Doch besonders erfolgreich war diese Strategie nicht: 2012 wurden zwar 6.000 Hektar Schlafmohnfelder vernichtet und trotzdem boomt der Drogenanbau.13 Der armen Landbevölkerung müssten Alternativen geboten werden, doch dieser Ansatz wurde in den letzten Jahren nur schwach verfolgt14 oder endete in einem Desaster. Wie 2004, als der Staat den Bauern Kredite und Staatgut anbot, um sie vom Drogenanbau ab zu bringen. Viele Bauern nahmen das Angebot an – doch das versprochene Gut erhielten sie nicht. Um ihre Schulden bezahlen zu können, mussten sie wieder Drogen anbauen.15

Das afghanische Innenministerium hat kürzlich das ambitionierte Ziel verkündet, den Anbau von Schlafmohn in zehn Jahren ganz auszumerzen.16 Doch an der Umsetzung dieses Vorhabens hapert es gewaltig, die Korruption scheint auch die Drogenbekämpfung zu lähmen. Dass viele Politiker und Machthaber selbst in den Handel verstrickt sind, kommt erschwerend hinzu.15 Kürzlich enthüllten Wikileaks-Dokumente, dass Karsai zahlreiche hohe Drogenkriminelle ohne Prozess freigelassen hatte. Und auf dem Gelände von Hamids eigenem Halbbruder wurden mehrere Tonnen Opium gefunden.11

Nun, nach zwölf Jahren, wird er das Zepter aus der Hand geben müssen. Viele prophezeiten, Karsai würde sich mit Verfassungsänderungen an seine Macht klammern. Zwar bewahrheiteten sich die düsteren Vorahnungen nicht,17 doch wird er aus dem Hintergrund auch künftig seine Stimme erheben, so viel steht fest. Er hat sich ein zu großes Netz an Verbindungen aufgebaut. Für seinen Nachfolger – wer auch immer es wird – wäre es äußerst unklug, Hamid Karsai als Feind zu haben.6

Teil 2 der Reihe: Strippenzieher im Drogenkrieg – Politiker im Fokus

  1. Süddeutsche Zeitung: Der edle Wilde; erschienen am 17.05.2010; aufgerufen am 11.04.2014 [] []
  2. BBC News: Profile: Hamid Karzai; erschienen am 05.01.2010; aufgerufen am 11.04.2014 [] []
  3. FR. Zwölf Jahre Karsai: das Ende einer schwierigen Beziehung [] []
  4. Bundeszentrale für Politische Bildung: Karzai, Hamid; nicht mehr verfügbar []
  5.  Die Linke: Bundeswehr raus aus Afghanistan; aufgerufen am 14.04.2014 []
  6. ad hoc news:  Präsidentschaftswahl in Afghanistan Karsai – der Schatten-Präsident und seine Brüder – nicht mehr verfügbar [] []
  7. Süddeutsche Zeitung: Korruption in Afghanistan: CIA soll Karsai mit Rucksack-Millionen versorgt haben; erschienen am 29.04.2013; aufgerufen am 14.04.2014 []
  8. Süddeutsche Zeitung: Karsai empfindet „extreme Wut“ auf US-Regierung; erschienen am 03.04.2014 [] []
  9. Süddeutsche Zeitung: Abgekühlte Zuneigung ; erschienen am 17.05.2010; aufgerufen am 13.04.2014 []
  10. Süddeutsche Zeitung: Karsai plant frühzeitigen Rückzug aus dem Amt ; erschienen am 19.07.2012; aufgerufen am 14.04.2014 []
  11. Süddeutsche Zeitung: Halbseidener Halbbruder; erschienen am 17.05.2010; aufgerufen am 12.04.2014 [] []
  12. TAZ: Heiliger Krieg gegen Drogen; erschienen am 07.04.2004; aufgerufen am 12.04.2014 []
  13. Deutschlandfunk: Umschlagplatz und Handelszentrum für Drogen; erschienen am 09.05.2012; aufgerufen am 14.04.2014; []
  14. Spiegel Online:  Illegales Geschäft: Afghanistan erwartet Rekordernte bei Opium; erschienen am 15.04.2013; aufgerufen am 12.04.2014 []
  15. Fachhochschule des Bundes für öffentliche Verwaltung Fachbereich Öffentliche Sicherheit: Afghanistan – Land ohne Hoffnung ?; herausgegeben 2007; Seite nicht mehr aufrufbar [] []
  16. Humanitarian News: Afghanistan plans to become poppy-free in a decade, seeks continued donor support; erschienen am 12.02.2014; aufgerufen am 13.04.2014 []
  17. Frankfurter Allgemeine: Karzais Wahlpoker; erscheinen am 03.04.2014; aufgerufen am 14.04.2014 []

Über anila / earthlink

Im Sommer 2013 habe ich mein Abitur gemacht. Vor meinem Studium leiste ich meinen Bundesfreiwilligendienst bei EarthLink. :)
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