Morales‘ Bolivien: Koka für alle?

Seit 2006 ist Evo Morales Präsident von Bolivien. Er bezieht gegen den „War on drugs“ Stellung, baut selbst Koka an und spricht sich offen für die Entkriminalisierung der Pflanze aus.1 Doch tut er Bolivien damit einen Gefallen?

Morales trat mit dem Vorhaben zur Wahl an, Bolivien wirtschaftlich voranzubringen und die indigene Bevölkerung nicht länger zu marginalisieren. Seine politischen Forderungen wurden dabei stark von seinem bisherigen Lebensweg geprägt. Präsident Morales war das fünfte von sieben Kindern und wuchs selbst in einfachen Verhältnissen auf: in einem Haus ohne fließendes Wasser oder Elektrizität, wo Essen noch über dem offenen Feuer gekocht wurde.2 Und er ist Teil der indigenen Bevölkerung Boliviens. Morales ist geborener Aymara, das zweitgrößte indigene Volk Boliviens. Mit seinem Wahlsieg 2006 wurde Morales Boliviens erster indigener Präsident34

Obwohl das Land immer noch arm ist, geht es der bolivianischen Wirtschaft besser als zu Beginn von Morales’ Amtszeit. Bolivien ist eines der ärmsten Länder Lateinamerikas und bei einem weltweiten Vergleich des Bruttoinlandprodukts (BIP) pro Kopf belegt Bolivien nur Rang 156.5 Nach seiner Amtsübernahme 2006 nationalisierte Morales den Öl- und Gassektor und enteignete mehr als 20 Privatunternehmen. So konnte er verschiedene Sozialprogramme finanzieren, zum Beispiel Geldzahlungen an junge Mütter oder Rentenerhöhungen. Und die bolivianische Wirtschaft kam in Schwung. Sie wuchs 2013 um geschätzte 6,5 Prozent – eine der stärksten Wachstumsraten in der Region. Bolivien hat außerdem das weltweit höchste Verhältnis von internationalen Währungsreserven im Verhältnis zu seiner Wirtschaftsgröße. Zudem ist die Inflation unter Kontrolle und das Staatsbudget ausbalanciert.

All das hat Auswirkungen auf die Bevölkerung. Weniger Menschen in Bolivien leben in extremer Armut, obwohl es 2011 immer noch fast jeder vierte Einwohner war.6 Des Weiteren verbesserte sich die staatliche Gesundheitsversorgung und Bildung und die Schere zwischen Arm und Reich wurde deutlich kleiner.4

Doch die Regierung Morales steht auch in der Kritik. Der Leiter des Office on Drugs and Crime der Vereinten Nationen in Bolivien erklärte, die Morales Regierung würde nicht gegen die Kartelle ermitteln. Zudem sei der Drogenschmuggel im Land gestiegen. Zwischen 2006 und 2011 stieg die Mordrate um mehr als 48 Prozent, genauso wie die Rate anderer krimineller Gewaltdelikte. Kartelle aus Kolumbien, Mexiko, Peru, Brasilien und Paraguay sind in Bolivien etabliert.1

Morales stand für eine Politik der Dekriminilasierung des Kokaanbaus, sprach sich aber gleichzeitig gegen die Weiterverarbeitung von Kokablättern zu Kokain aus – Koka ja, Kokain nein.7 Koka ist kulturell sehr wichtig für die indigenen Menschen in der Andenregion. Mehr als drei Millionen Bolivianer kauen regelmäßig Koka. Die Blätter werden auch sehr oft in Ritualen und bei sozialen Anlässen gekaut oder mit Wasser zu Tee aufgebrüht. Die Eigenschaften des Koka bekämpfen Höhenkrankheit und Müdigkeit.8 Ein großer Teil der bolivianischen Bevölkerung ist indigen oder gemischter Abstammung. Gemäß eines Zensus’ von 2001 sind 62 Prozent der bolivianischen Bevölkerung über 14 Jahren indigen.3 Weitere 30 Prozent sind gemischter Abstammung, haben kaukasische und indigene Vorfahren.9

Dennoch ist die Menge des Kokaanbaus immer noch höher, als die Menge, welche notwendig ist für traditionelle oder zeremonielle Zwecke.8 Die Hilfe Amerikas ist bei der Bekämpfung des illegalen Anbaus allerdings nicht erwünscht.

Doch nicht alle internationale Hilfe ist unwillkommen. Die Europäische Union finanziert zurzeit ein Antidrogenzentrum für 1,3 Millionen Dollar in einer Region, die Koka anbaut. Zudem unterschrieb Bolivien ein Übereinkommen mit Kolumbien zur gemeinsamen Bekämpfung der kolumbianischen Kartelle in Bolivien.1

Seit 2011 und 2012 nahm der Kokaanbau wieder beständig ab. Grund hiefür könnten die Bemühungen der bolivianischen Regierung sein, illegale Kokapflanzen zu eliminieren sowie Dialoge mit den Bauern. Die Beschlagnahme von Kokablättern und Koka-Paste stieg 2012 im Vergleich zum Vorjahr weiter an. Allerdings wurde 2012 weniger Kokainhydrochlorid beschlagnahmt.10

Es ist sehr schwierig den Drogenschmuggel und Kokaanbau zu unterbinden. Man konnte in der Vergangenheit schon oft die sogenannten “balloon effects” beobachten – der Kokaanbau wurde in einem Land reduziert und tauchte dann wieder in anderen auf, verschob also nur seinen Produktionsort.7

Wenn man über Bolivien und Morales’ Ansatz spricht, sollte man nie die Geschichte und Kultur Boliviens vergessen. Das Kauen von Koka hat in dem Land lange Tradition und auch spirituelle Bedeutung, besonders für die indigene Bevölkerung, die einen Großteil der Einwohner ausmacht. Der Präsident hat das Land wirtschaftlich vorangebracht, aber muss in Zukunft für sinkende Raten bei den Gewaltdelikten sorgen und darf nicht aufhören, gegen illegalen Anbau von Koka und die Kartelle zu kämpfen.

Morales stimmt nicht mit der US-amerikanischen Vorgehensweise im Kampf gegen die Drogen überein. Aber das sollte nicht automatisch als Synoym für seine Gleichgültigkeit und Toleranz den Kartelle gegenüber gelten. Die Nichtübereinstimmung mit dem „War on drugs“ macht Morales‘ Ansatz nicht falsch. Die US-amerikanische Rhetorik ist nur manchmal so laut, dass andere Ansätze kein Gehör finden.

  1. Canada Free Press, 22.04.14: Bolivia and the drug cartels – aufgerufen am 23.04.14 [] [] []
  2. Alianza News: Bolivia’s Morales presents new biography: from poverty to presidency – Artikel vom 19.3.2014 []
  3. International Work Group for Indigenous Affairs: Indigenous peoples in Bolivia – aufgerufen am 24.04.14 [] []
  4. The Guardian, 21.03.12: Bolivia has transformed itself by ignoring the Washington Consensus – aufgerufen am 24.04.14 [] []
  5. CIA: World Factbook – aufgerufen am 24.04.14 []
  6. New York Times, 16.02.14: Turnabout in Bolivia as economy rises from instability – aufgerufen am 24.04.14 []
  7. Woodrow Wilson International Center for Scholars, August 2012: Drug trafficking and organized crime in the Americas – aufgerufen am 24.04.14 [] []
  8. International Business Times, 16.11.13: Bolivia’s coca crops surpass legitimate demand needs; EU fears excess cultivation for cocaine production – aufgerufen am 24.04.14 [] []
  9. CIA, 11.04.14: World Factbook: Bolivien – aufgerufen am 24.04.14 []
  10. United Nations Office on Drugs and Crime, 05.08.2013: oca crop cultivation and yield continue to decline in Bolivia for second straight year : UNODC 2012 Coca Monitoring Survey – aufgerufen am 24.04.14 []

Über Carina / earthlink

Mein Name ist Carina und ich bin 24 Jahre alt. Ich habe im April 2014 mein Bachelorstudium der Politikwissenschaften (Nebenfach Rechtswissenschaft) abgeschlossen und mache nun ein Praktikum bei earthlink e.V.
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