Die verheerenden Folgen der Drogenvernichtung

Bild: © United States Marine Corps - Wikimedia Commons

Teil 1

Entkriminalisierung, Therapien und Reformen zur Korruptionsbekämpfung – es gibt zahlreiche Alternativen zum Drogenkrieg. Auch wenn diese in den letzten Jahren an Gewicht gewonnen haben,1 führen viele Länder dennoch den umstrittenen Feldzug gegen die Drogen eisern weiter, mit Repression und militärischer Härte. Ein Sinnbild dieser bedingungslosen Politik ist eine Maßnahme, die in nahezu allen großen Anbaugebieten1 seit jeher angewandt wird: die Zwangsvernichtung der Drogenfelder (auch: Eradikation). Indem Opium und Kokain direkt auf dem Feld zerstört werden, will man den kriminellen Drogenbanden den Nährboden zu entziehen. Keine Felder – keine Drogen – kein Handel. So zumindest die Idee dahinter.2 Doch der Plan geht nicht auf: Die Vernichtung der Drogenfelder ist eine weitestgehend nutzlose Taktik, die vor allem den finanziell nicht abgesicherten Bauern schadet.

Ein Kritikpunkt an den Vernichtungsmaßnahmen hat sich über die Jahre hinweg bereits derart oft bestätigt, dass es absurd scheint, dass die Operationen immer noch in einem solchen Umfang durchgeführt werden: Inzwischen hat sich eindeutig gezeigt, dass die zahllosen Vernichtungsmaßnahmen zu keiner nachhaltigen Eindämmung des Drogenhandels führen.1 „Das ist das uneffektivste Programm überhaupt“, urteilte sogar der US-Sondergesandte in Afghanistan Richard Holbrook. Das Netz der Drogenhändler ist einfach zu elastisch, zu flexibel. In den Ländern gibt es zu viele Möglichkeiten, den Verlust der vernichteten Felder auszugleichen. Lässt die Regierung Drogenpflanzen in einer Region vernichten, werden sie eben in einer anderen Region wieder angebaut. Fachsprachlich nennt man das den „Ballon Effekt“.2 Er führte dazu, dass trotz hektarweise zerstörter Drogenfelder in den meisten großen Drogenanbaugebieten die Ernten wieder gestiegen sind. Wie in der afghanischen Provinz Baghlan: Dort wuchs der Opiumanbau 2012 um 13 % – trotz der Vernichtung von 252 Hektar Schlafmohnfeldern.3 Die Produktion wird also nicht gestoppt – sie wechselt lediglich den Ort, manchmal über die Länder hinweg, doch oft auch einfach innerhalb der jeweiligen Grenzen.1 In manchen Fällen ist die Vernichtungstaktik sogar der konkrete Auslöser für einen Anstieg der Drogenproduktion.4 Der Grund: Durch die Zerstörung der Drogenpflanzen sinkt das Angebot an Opiaten und Kokain – doch die Nachfrage bleibt nach wie vor gleich hoch. Der Preis steigt und macht das Geschäft mit den Drogen noch attraktiver.5 „Hohe Opiumpreise waren der Hauptgrund für den Anstieg in der Opiumproduktion [in Baghlan 2012]”, bestätigte der UNODC Executive Director Yury Fedotov.3

Der Ballon-Effekt wirkt sich obendrein negativ auf die Natur aus. Um die Drogen erneut anzubauen, bewegen sich die Produzenten immer tiefer in geschützte Gebiete, wie zum Beispiel Urwälder, hinein, in denen ihre Plantagen vor Eradikationsoperationen besser geschützt sind. Unzählige Bäume werden gefällt, um Platz für diese neuen Felder zu schaffen, um Unterkünfte zu errichten und um Straßen und Landebahnen für den Transport zu bauen. In Kolumbien werden über die Hälfte der illegalen Pflanzen in neu abgeholzten Gebieten angebaut.2 Strategisch gesehen ergibt sich hieraus eine weitere Schwierigkeit: Die vielen kleinen, verteilten Plantagen sind um einiges schwieriger zu entdecken als die großflächigen, auf denen der Anbau konzentriert ist.6

Außerdem erschweren die Vernichtungsoperationen einen Erfolg von Entwicklungsprogrammen in den Anbauregionen – dafür wäre eine wichtige Voraussetzung, dass die Bauern die Regierung anerkennen und mit ihr kooperieren. Die repressiven Vernichtungsmaßnahmen bewirken jedoch einen Bruch zwischen der Bevölkerung und dem Staat,4 denn die Felder werden oft unter dem Einsatz von Militärs1 und unter heftigen Protest einiger Bauern vernichtet. 2007 starben bei Vernichtungsoperationen allein in Afghanistan 75 Menschen.7

Die Vernichtungsoperationen sind auf lange Sicht nicht sinnvoll – doch die wirklich Leidtragenden dieser Anti-Drogenpolitik sind die finanziell nicht abgesicherten und schwachen Drogenbauern und ihre Familien. Denn Opium und Kokain werden häufig in armen Regionen ohne wirtschaftliche Stabilität angebaut – für die Bauern dort bedeutet der Drogenanbau die Rettung aus der Armut.2 Zwar schätzt die UNODC das Einkommen z.B. eines kolumbianischen Bauern auf gerade einmal zwei Dollar am Tag – das ist sehr wenig, doch immer noch mehr, als er mit alternativen Pflanzen verdienen könnte.8 Durch die Zerstörung der Felder wird die gesamte Ernte der Bauern zu Nichte gemacht und damit ihre Lebensgrundlage zerstört. In den meisten Fällen sind die Bauern finanziell zu schwach, als dass sie den Verlust der Ernte ausgleichen könnten. Zwar wird ihnen Unterstützung zugesichert, doch oft sind die Entschädigungen recht dürftig.9 Eine Untersuchung der UNODC in 2002 und 2003 ergab, dass sich in Folge der Eradikationsmaßnahmen und der strikten „opium bans“ auch die Einschulungsraten halbierten und zwei Drittel der Ärzte und Apotheken schließen mussten.10 Besonders ausweglos ist die Situation für diejenigen Bauern, die in einem Schuldverhältnis mit Großgrundbesitzern stehen, die trotz der Vernichtungsmaßnahmen die Schulden zurückverlangen. Diese Familien sind ihrer Gewalt schutzlos ausgeliefert.

Es hat keinen Wert, die Lebensgrundlage der armen Landbevölkerung radikal zu vernichten. Vielmehr müssten ihnen Alternativen geboten werden. Kakao statt Koka, Reis statt Opium. Auch solche gut gemeinten Maßnahmen werden vielfach angewandt, meist in Kombination mit Zwangsvernichtungen. Oft werden sie jedoch nur halbherzig umgesetzt oder ziehen verheerende Folgen nach sich.1 Ein Beispiel ist ein Hilfsprogramm in Afghanistan 2004. Damals versprach der Staat den Bauern Kredite und Saatgut, sollten sie dem Drogenanbau abschwören. Das Angebot wurde von vielen Bauern bereitwillig angenommen – doch das Versprochene erhielten sie nicht.11 In anderen Fällen scheiterten alternative Hilfsprogramme auch schlicht am falschen Zeitplan: Zum Beispiel wurden in Laos und Burma „opium bans“ verhängt, obwohl die Hilfsmaßnahmen noch längst keine Früchte trugen.1 Erneut lebten die Farmer in Armut – erneut wurden sie in ihrer Not in die Arme der Drogenbanden getrieben. Die Verbitterung, die Verzweiflung und die Resignation in der Bevölkerung wuchs. Auch in Kolumbien waren zahlreiche Unterstützungsmaßnahmen zum Scheitern verurteilt. Es fehlte schlicht an grundlegenden Investitionen. „Wir erwarten von [den Bauern], Tonnen an Früchten und Gemüse zu transportieren, mit Trucks, die sie nicht haben, auf Straßen, die nicht existieren“, erklärte ein NGO-Experte den Misserfolg.1 Ein kolumbianischer Bauer kritisierte die falsche Ausrichtung der Hilfen: „Bis Investitionen die Wirtschaft grundlegend verändern, werden die Menschen weiter Koka anbauen und wiederanbauen, Wälder abholzen und alles tun, was nötig ist, um das einzige Produkt anzupflanzen, das leicht auf den Markt zu bringen ist, immer einen Käufer hat und ein Einkommen garantiert, mit dem eine Familie versorgt werden kann.“1

Es zeigt sich, dass die – übrigens äußerst kostenspielige – Vernichtung der Drogenfelder ohne nötige Investitionen und Hilfen keine sinnvolle Maßnahme ist. In der Praxis sind es die Bauern und ihre Familien, die die Last dieser Anti-Drogen-Politik tragen. Die großen Drogenbanden ziehen daraus dagegen kaum einen Schaden. Warum setzen also viele Verantwortliche weiterhin auf diese Maßnahme? Vielleicht, weil sich die Zahlen von vielen vernichteten Feldern nach Erfolg anhören. Schnelle und sichtbare Ergebnisse – so sinnlos sie auf lange Sicht auch sein mögen – sind um einiges öffentlichkeitswirksamer als ein nachhaltiger Entwicklungsprozess, der sich manchmal Jahre hinziehen kann. Die Vernichtungspolitik ist jedoch ein sehr einfacher, kurzsichtiger Blick auf das Drogenproblem in den Anbauregionen. Die sichtbaren Erfolge der Vernichtungsmaßnahmen? Es sind nur Scheinerfolge.

 

Es gibt eine Vernichtungsmethode, bei der die Drogenfelder mit Gift zerstört werden. Was für verheerende Auswirkungen diese hat, erfährst du im Teil 2 des Berichts: Die verheerenden Folgen der Drogenvernichtung

 

 

 

  1. Human Rights Watch: Human Rights and Drug Policy: Briefing 6: Crop eradication; aufgerufen am 17.Juni 2014 [] [] [] [] [] [] [] [] []
  2. Countthecosts: The War on Drugs: Causing Deforestation; aufgerufen am 17.Juni 2014 [] [] [] []
  3. UN News Centre: Opium cultivation rises in Afghanistan despite major eradication push – UN report; erschienen am 20. November 2012; aufgerufen am 17. Juni 2014 [] []
  4. Transnational Institute: Bouncing Back: Relapse in the Golden Triangle; erschienen 2014; aufgerufen am 17. Juni 2014 [] []
  5. Transnational Institute: Bouncing Back: Relapse in the Golden Triangle; erschienen 2014; aufgerufen am 17. Juni 2014 []
  6. Cornelius Friesendorf: Drogen, Krieg und Drogenkrieg; erschienen 2005; aufgerufen am 17. Juni 2014 []
  7. Dailymail: US army to wage war on drugs by wiping out Afghan poppy fields; erschienen am 13. Oktober 2008 []
  8. Zeit Wissen: Kommando Koks; erschienen 02/2013; aufgerufen am 17. Juni 2014 []
  9. Schwäbische.de: Afghanistan beginnt mit Vernichtung von Drogenfeldern; erschienen am 11. April 2002; nicht mehr verfügbar []
  10. Human Rights Watch: Human Rights and Drugs Policy: Briefing 6: Drug eradication; aufgerufen am 17. Juni 2014 []
  11. Horst Schuh / Siegfried Schwan (Hrsg.): Afghanistan – Land ohne Hoffnung ?; erschienen 2007; Seite nicht mehr aufrufbar []

Über anila / earthlink

Im Sommer 2013 habe ich mein Abitur gemacht. Vor meinem Studium leiste ich meinen Bundesfreiwilligendienst bei EarthLink. :)
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