Opium oder Kardamom?

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Arunachal Pradesh im Nordosten von Indien – eine Region geprägt vom Schlafmohnanbau oder doch eher von dem Gewürz Kardamom? Da ist sich keiner so ganz sicher. In manchen Quellen wird davon gesprochen, dass die Zeiten des lukrativen Opiumgeschäfts schon seit einigen Jahren vorbei sind und die Bewohner vor Ort nun auf den Anbau von Kardamom umgestiegen sind. Andere behaupten, dass die Opiumproduktion und der Opiumkonsum auf einem derart hohen Level sind, dass es so nicht weitergehen kann.

Richtig begonnen mit dem Mohnanbau hat es in den frühen 90er Jahren, als im benachbarten Myanmar die illegale Opiumproduktion mit Hilfe des Programms der Vereinten Nationen für internationale Drogenbekämpfung (UNDCP) verboten wurde. Durch dieses skrupellose Vorgehen in den nördlichen Provinzen und dem dadurch folgenden Angebotsausfall verlagerte sich der Anbau in die grenznahe Region Arunachal Pradesh.1 In Myanmar wurde weiterhin in kleinem Rahmen angebaut, doch Anfang der 2000er hatte die Junta im Kampf gegen die illegalen Drogen im Staat Kachin mehr als 2.000 Kleinbauern getötet. Ab diesem Zeitpunkt wurde Kachin komplett von der indischen Region Anjaw versorgt, was den nordindischen Bewohnern zu mehr Reichtum verhalf. Es existieren etwa 10.000 Hektar an Schlafmohnfeldern, die laut einer groben Schätzung circa 100 Tonnen Opium jährlich hervorbringen. Eine Umfrage von 2010-11 des Institutes für Drogenstudien und –analysen, mit Sitz in Neu Delhi, zeigte, dass 90 Prozent der Dörfer in Anjaw und 63 Prozent in Lohit, beides Teilregionen von Arunachal Pradesh, Opium anbauen.2 Bisher hat die Arunachal Pradesh Regierung ein Auge zugedrückt, wenn es um die Expandierung von Opiumfeldern oder die steigende Drogenabhängigkeit ging. Beispielsweise liegt eine dieser Parzellen direkt gegenüber einer Schule, also mitten in der Stadt. Genauso wie der Mohnanbau, wird auch das illegale Holzfällen von den Behörden hingenommen. Trotz des Verbots des Obersten Gerichtshofes, werden mehr und mehr Wälder abgeholzt um die „wertvolle“ Pflanze anzubauen. Vielleicht duldet die Regierung stillschweigend die Opiumproduktion, damit Wohlstand die Region schneller erreicht. Der Ort Supliang hat zwar eine Schule, aber niemand besucht sie, da Kinder auf den Feldern mithelfen müssen. Ihre Häuser sind ein wackelnder Verschlag aus Holz und Gras mit großen Löchern, welche Wind, Regen und Kälte hineinlassen. Opium hilft ihnen zu überleben, denn es gibt kein Armutslinderungsprogramm.

Knapp 24.000 Menschen aus den Regionen Lohit und Anjaw sind abhängig. Sie konsumieren durchschnittlich etwa 3 Gramm Opium täglich, was viel mehr ist als in anderen Gebieten des Landes. Allein die Abhängigen konsumieren mindestens 26 Tonnen Opium im Jahr, was fast 1/3 der gesamten Produktion entspricht.34 Der Bewohner Logem Manyu aus einer Nachbarregion sagt: „Es wird als Präventivmaßnahme gesehen. Menschen, die regelmäßig Opium konsumieren, werden nie krank.“5 Es müsste viel gemacht werden, um die Situation im Lohit Tal zu verändern. Als aller erstes müssten die Abhängigen zur Rechenschaft gezogen werden. Anschließend müsste in jedem Ort ein Center zur Suchtbekämpfung eingerichtet werden.3 Auch Romesh Bhattacharjee vom Institut für Drogenstudien und –analysen ist der Meinung, dass mehr Entzugskliniken eröffnet werden müssen, und dass die Regierung mehr Anreize für alternative Anbauprodukte schaffen muss. Im einzigen funktionierenden Entzugszentrum wurden etwa 130-140 Jugendliche in den letzten vier Jahren behandelt. „Unser 15-tägiges Entzugsprogramm beinhaltet Meditation, Sport, Gebete und Beratung.“, sagt Bhikku Vimalananda aus dem Zentrum. Das Problem hat sich seit 2007 verschlimmert. Nachdem in Arunachal Pradesh der Mohnanbau nicht legalisiert wurde, ist es folglich in Lohit und Anjaw illegal. Jedoch gab es noch keine Strafverfolgung. Jeinow, stellvertretender Leiter von Anjaw, sagte: „Anjaw hat lediglich sechs Polizisten. Wie sollen wir das schaffen?“ Es ist offensichtlich, dass niemand Angst vor Drogenbekämpfungsmaßnahmen hat. „Im Zeitraum 2010-11 kam zweimal ein Drogenbekämpfungsteam, aber sie hatten keinen Erfolg, weil Mohn meistens in unzugänglichen Gebieten angebaut wird“, fügte Jeinow hinzu. 500 indische Rupien pro Kilo machen den Mohnanbau lukrativ.2

Doch ein anderer Artikel aus dem Jahr 2013 berichtet bereits von einem florierenden Geschäft mit Kardamom. In der Zeit von 2010-11 sollen in Arunachal Pradesh 150 Tonnen des Gewürzes für knapp 120 Millionen indische Rupien verkauft worden sein. Umgestiegen auf Kardamom seien die Bewohner zum einen aufgrund der guten Verdienstmöglichkeiten und zum anderen um ihr in Verruf geratenes Image wegen der übermäßigen Opiumproduktion aufzupolieren.6 Der Preis für Kardamom ist seit den 90ern um das 10fache gestiegen. Früher lag er bei etwa 80 indischen Rupien pro Kilo und inzwischen erhalten Bauern 800 indische Rupien.7  Wegen der hohen Nachfrage sowohl im Export als auch auf dem heimischen Markt stiegt der Wert an der indischen Waren- und Produktenbörse in letzter Zeit sogar auf 874 indische Rupien pro Kilo an.8 Wahrscheinlich befindet sich die Region im Moment in einer Übergangsphase, in der zwar immer noch viel Schlafmohn angebaut wird, aber auch einige Bauern bereits umdenken und auf ihren Feldern Kardamom anpflanzen. Es wäre natürlich wünschenswert, wenn der Kardamomanbau weiterhin boomt und den Bauern damit eine lukrative Alternative zur Opiumproduktion gegeben wird. Dies könnte auch einen Rückgang bei der Anzahl an Opiumabhängigen aus der Region nach sich ziehen.

  1. The Shilong Times: Opium trade goes unchecked in eastern Arunachal Pradesh – 08.10.2014 []
  2. hindustantimes: Opium for masses, a problem in Arunachal – 08.10.2014 [] []
  3. Frontline: Opium Valley – 08.10.2014 [] []
  4. Youtube: ArteDoku – Die Opium-Route – 08.10.2014 []
  5. hindustantimes: Opium for masses, a problem in Arunachal – 08.10.2014 []
  6. The Economic Times: Once a opium producer, Arunachal district grows large cardamom – 08.10.2014 []
  7. Authorstream: Cardamom Drier – 08.10.2014 []
  8. Business Standard: Cardamom gains by 1,9 % on rising spot demand – 08.10.2014 []

Über lena / earthlink

Hey, ich bin die Lena und studiere International Business in Nürnberg. Ich interessiere mich schon lange für Entwicklungspolitik und wollte nun mal in die Arbeit einer kleinen NGO hineinschnuppern. Deswegen mache ich ein 8-wöchiges Praktikum bei Earthlink e.V.
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