Unternimmt Bolivien zu wenig gegen den Kokainhandel?

Bild: © Agência Brasil - Wikimedia Commons

Am Sonntag waren Präsidentschaftswahlen in Bolivien und entsprechend aller Erwartungen hat sich kein großer Wandel in der Politik abgezeichnet. Evo Morales wird nun zu seiner dritten Amtszeit antreten und ist nur knapp an einer Zweidrittelmehrheit vorbeigeschrammt.1 Solch klare Verhältnisse ist man hierzulande nur von den Hochzeiten der CSU in Bayern gewohnt. Doch trotz großer Zufriedenheit bei seinen Wählern, steht Morales nicht ohne Kritik da. Ihm werden die Abschreckung von Investoren durch seine weitreichende Verstaatlichungspolitik sowie ein zu laxer Umgang mit Drogen vorgeworfen.

Vor den Auswirkungen des Drogenhandels auf die Wirtschaft Boliviens warnte vergangene Woche das Magazin „Harvard Political Review“. Demnach stellt der Schwarzmarkt eine inflationär wirkende Gefahr dar, da dadurch, vor allem durch den illegalen Kokainhandel, ein Überangebot an Geld generiert wird. Zudem wirft die US-amerikanische Regierung dem Andenstaat vor, zu wenig gegen den Drogenhandel zu unternehmen, weshalb bereits im Jahr 2008 Vergünstigungen beim Handel mit den USA gekündigt wurden. Dies trifft vor allem die bolivianische Textilindustrie und wirkt sich außerdem abschreckend auf ausländische Investoren aus.2

Dennoch ist Bolivien wirtschaftlich vergleichsweise gut aufgestellt. Die Wirtschaft ist im letzten Jahr um 6,5% gewachsen, was eine der größten Raten in der Region darstellt und auch die Inflation konnte unter Kontrolle gehalten werden. Allerdings muss gesagt werden, dass der wirtschaftliche Aufschwung zu einem großen Teil auf den Anstieg der Preise für Erdgas zurückzuführen ist. Etwas mehr Diversifizierung wäre also angebracht. Besonders rühmen darf sich das Land jedoch mit der Verbesserung der Sozialstandards. Durch verschiedenste Programme konnte der Anteil der Menschen, die in extremer Armut leben, deutlich reduziert werden.3

Doch wie sieht es mit dem Kokainhandel aus? Bolivien blickt auf eine lange Vergangenheit des Gebrauchs von Kokablättern zurück. Die Pflanze wird dort seit mehr als 4000 Jahren in Form von Tee, als Lebensmittel, Medizin und für religiöse und kulturelle Praktiken genutzt. In den 90er Jahren kam es jedoch zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen Kokabauern und von den USA unterstützen Sicherheitskräften, die versuchten den Anbau zu unterbinden. Mit der Ernennung des ehemaligen Kokabauern Evo Morales zum Präsidenten änderte sich die Regierungsstrategie bezüglich der Pflanze dann radikal. Er verfolgt eine Strategie der Legalisierung des Kokaanbaus, verbunden mit der Eindämmung der Kokainproduktion. So verschaffte er einer großen Anzahl von Kleinbauern eine legale Einkommensquelle.45

Jedoch sollen weiterhin 10-20% der Kokaplantagen für die Produktion von Kokain genutzt werden.6 Bolivien hat nun schon sieben Mal in folge die Erwartungen der amerikanischen Regierung in der Drogenbekämpfung nicht erfüllt. Interessanterweise sieht aber nicht jeder die Anstrengungen der Regierung so pessimistisch. Die UNODC (das Büro der Vereinten Nationen zur Bekämpfung von Drogen und Verbrechen) ist im Gegensatz zu den Amerikanern sehr zufrieden mit den Erfolgen bei der Kokainbekämpfung. Demnach soll die Fläche der Kokaplantagen zwischen den Jahren 2010 und 2013 um 26% gesunken sein. Bezeichnend ist zudem, dass die Länder Peru und Kolumbien, die weitaus mehr Kokain als Bolivien produzieren, nicht von der amerikanischen Regierung kritisiert wurden.47

Bolivien verfolgt einen eigenen Ansatz bei der Bekämpfung des Kokains. Dabei setzt das Land nicht auf die vollständige Eradikation der Pflanze, sondern erlaubt Bauern den Kokaanbau in einem klar definierten Umfang, der ihnen ein angemessenes Einkommen generiert. Die Einhaltung des Umfangs wird mit einer Art Graswurzelbewegung kontrolliert, in der jeder Bauer ein Auge auf seinen Nachbarn wirft. Die starke Solidarität der Bauern in den Kokagewerkschaften trägt zum Erfolg dieses Ansatzes bei. Dazu kommt, dass das eingeschränkte Angebot an Kokablättern zu höheren Preisen führt, wovon alle Bauern profitieren.4

Selbstverständlich ist es auch für Bolivien noch ein weiter Weg zur vollständigen Kontrolle über den Kokainhandel. Jedoch zeigen die Erfolge, dass es nicht unbedingt einen radikalen Eradikationsansatz braucht, um den Handel mit der Droge einzuschränken. Die Rücksichtnahme auf die Bedürfnisse der Bauern und der Natur kann zu deutlich nachhaltigeren positiven Ergebnissen führen. Darüber sollten sich auch die Drogenbehörden auf US-amerikanischer Seite Gedanken machen, anstatt alternative Ansätze komplett zu verweigern.

  1. Neue Zürcher Zeitung: Evo Morales klar wiedergewählt – 14.10.2014 []
  2. Harvard Political Review: Bolivia’s Perennial President – 14.10.2014 []
  3. The New York Times: Turnabout in Bolivia as Economy Rises From Instability – 14.10.2014 []
  4. The Nation: Washington Snubs Bolivia on Drug Policy Reform, Again – 14.10.2014 [] [] []
  5. InsightCrime: Bolivian Official: Up to 20 Percent of ‚Legal‘ Coca Goes to Cocaine – 14.10. 2014 []
  6. InsightCrime: Bolivian Official: Up to 20 Percent of ‚Legal‘ Coca Goes to Cocaine – 14.10. 2014 []
  7. Amerika21: UNO bescheinigt Bolivien erfolgreiche Koka-Politik – 14.10.2014 []

Über Sebastian / earthlink

Hallo, ich bin der Sebastian. Ich komme aus München und habe dort im März mein Bachelorstudium der Volkswirtschaftslehre abgeschlossen. Derzeit engagiere ich mich in einem zweimonatigen Praktikum bei Earthlink.
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