Der kolumbianische Drogenhandel wird auch ohne FARC funktionieren

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Nächste Woche sollen die Friedensverhandlungen zwischen der kolumbianischen Regierung und der FARC fortgesetzt werden. Die Gespräche waren nach der Geiselnahme des kolumbianischen Generals Rubén Darío Alzate von Regierungsseite aus unterbrochen worden. Dass sich beide Seiten nun wieder annähern, zeigt ein Maß an Vertrauen und lässt auf eine baldige Beilegung des Konflikts hoffen. Schätzungsweise 9 000 Kämpferinnen und Kämpfer der FARC würden dann ihre Waffen niederlegen. Damit wäre einer der ältesten Konflikte des Kontinents vorbei.

Doch konfliktfrei wird Kolumbien danach nicht sein. Zu oft wird der Drogenkrieg im Land auf die FARC reduziert, dabei ist die Lage weit unübersichtlicher. Anfang des 21. Jahrhunderts, als die AUC (Autodefensas Unidas de Colombia), eine rechtsgerichtete paramilitärische Gruppe, demobilisiert wurde, entstanden mehr als 30 neue kriminelle Gruppierungen.1 In ihrer Gesamtheit bezeichnet man sie als BACRIM (kurz für bandas criminales). Die kolumbianische Regierung erkennt heute nur noch drei Akteure als BACRIM an: die Urabeños, die Rastrojos und die ERPAC (Ejército Revolucionario Popular Antiterrorista Colombiano), wobei die Urabeños die stärkste und gefährlichste Einheit bilden.2 Die FARC wird ein Machtvakuum hinterlassen, auf das diese kriminellen Gruppen bereits ein Auge geworfen haben.

Diese Entwicklung zeigt: Das Verschwinden einer kriminellen Gruppe ruft meist neue Gewaltakteure auf den Plan. Das Problem ist der Drogenhandel, der nicht zwangsläufig an die FARC oder einen anderen Akteur gebunden ist. Aufgrund der Lukrativität finden sich immer wieder Gruppen, die sich dem illegalen Handel mit Drogen verschreiben.

Daniel Rico, Mitarbeiter des US-amerikanischen Wilson Centers, vergleicht die Gewalttätigkeit und die Präsenz der BACRIM mit dem einst mächtigen Medellín-Kartell und der AUC. Dennoch macht er auf zwei Schwachpunkte der BACRIM aufmerksam: Früher kontrollierten kolumbianische Drogenkartelle alle Schritte des Drogenhandels, auch den Anbau. Die BACRIM sind heute auf Rebellengruppen angewiesen, die sie mit Koka-Paste versorgen, die Grundlage für die Herstellung von Kokain. Zudem sind die Zeiten des florierenden Kokainhandels vorbei: Konnte man in den frühen 1990er Jahren noch 16 000 Dollar für ein Kilogramm Kokain verdienen, sind es heute um die 5 000 Dollar. Das liegt auch daran, dass sich das Kokaingeschäft zu einem Großmarkt entwickelt hat, den nicht mehr nur Kolumbien kontrolliert, sondern an dem auch Länder wie Mexiko beteiligt sind.3

Alles in allem verbirgt sich hinter der Bezeichnung BACRIM eine fragile und ungünstige Koexistenz verschiedener Drogenbanden, die durch Maßnahmen der kolumbianischen Regierung zusätzlich geschwächt wurden. Diese Fakten könnten auf ein baldiges Ende der BACRIM hinweisen. Wären da nicht die Friedensverhandlungen mit der FARC.

Sollten diese wie geplant in einen Friedensvertrag münden4, verschwindet ein wichtiger Akteur des illegalen Drogenhandels in Kolumbien. Der Platz, den die FARC verlässt, wird nicht unbesetzt bleiben. Vor allem die Urabeños spekulieren auf eine Übernahme des Drogengeschäfts der FARC. Schon jetzt expandiert das kolumbianische Drogenkartell dort, wo früher FARC und ELN (Ejército de Liberación Nacional) aktiv waren.2

„Eine Vereinbarung mit der FARC wird nicht alle Probleme Kolumbiens lösen, da auch andere Akteure in die Gewalt im Land verstrickt sind, aber sie wird die politisch motivierte Gewalt beenden“, sagte der UN-Repräsentant in Kolumbien Fabrizio Hochschild.5 Abgesehen von der unberechenbaren Dynamik des illegalen Drogengeschäfts, sind die Friedensverhandlungen ein sehr wichtiges Zeichen und führen Kolumbien in die richtige Richtung. Jedoch sollte man die innenpolitische Gesamtlage nicht außer Acht lassen und an die Zeit denken, die auf die Gespräche folgen wird. „Wie können ehemalige FARC-Kämpfer in die Gesellschaft integriert werden?“6 und „Wie kann die kolumbianische Regierung das Machtvakuum der FARC füllen, bevor es kriminelle Gruppen tun?“, sind wichtige Fragen, die sich die kolumbianische Regierung stellen muss, damit Kriminalität und Gewalt beendet werden können.

  1. Wilson Center: Latin American Program in the News: Colombia’s BACRIM: On the Road to Extinction? – Stand: 27.01.15 []
  2. Insightcrime: Colombia’s BACRIM expand as FARC talks peace – Stand: 27.01.15 [] []
  3. Wilson Center: Latin American Program in the News: Colombia’s BACRIM: On the Road to Extinction? – Stand: 27.01.15 []
  4. Die Welt: Der Friedensprozess mit der Farc besteht Härtetest – Stand: 27.01.15 []
  5. Columbia Reports: Agreement with FARC essential for development of Colombia: UN – Stand: 27.01.15 []
  6. FriEnt: Entwaffnung, Demobilisierung und Wiedereingliederung ehemaliger Paramilitärs in Kolumbien – nicht mehr verfügbar []

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