Der gemeinsame Feind: Vereinen Drogen aus Afghanistan Russland und die USA?

Der illegale Schlafmohnanbau sichert den Lebensunterhalt der Bevölkerung. | Bild: © Nakarinz - Dreamstime.com

Am 14. April dieses Jahres veröffentlichte das EastWest Institute erneut einen Bericht über die Möglichkeiten eines gemeinsamen Einsatzes von Moskau und Washington im Kampf gegen die Drogen aus Afghanistan. Es ist bereits der dritte Bericht, der sich mit dieser problembehafteten Kooperation beschäftigt.1

Ein Einsatz mit vereinten Kräften gegen Drogenanbau und –handel in Afghanistan ist von äußerster Brisanz. Die russischen und US-amerikanischen Experten wiesen bereits 2013 in ihrem ersten Report auf die globale Führungsrolle hin, die Afghanistan im Hinblick auf Anbau und Verarbeitung von Schlafmohn einnimmt. Über 70 Prozent aller weltweit illegal produzierten Opiate werden jährlich in Afghanistan hergestellt. Nahezu die gesamte Produktion verlässt das Land über seine unsicheren Grenzen und erreicht so Konsumenten in der ganzen Welt.2

Der afghanische Drogenhandel gilt als eine der Hauptquellen von kriminellem Profit und wird in enger Verbindung mit der Etablierung von Terrorgruppierungen gesehen. Illegaler Vertrieb von Drogen gibt häufig den Anstoß für andere Arten von zwischenstaatlichen Verbrechen und auch für Geldwäsche auf regionalem und globalem Niveau. Diese kriminellen Auswüchse beeinflussen sowohl die Interessen Washingtons als auch die Moskaus.2

Besonders die Taliban, die sich in den 90er Jahren noch aktiv gegen Drogenanbau einsetzten, profitieren heute von der illegalen Kultivierung des Schlafmohns. Während die Terrorvereinigung so ihren Einfluss zunehmend vergrößert, wird der Handlungsraum der afghanischen Regierung immer weiter eingeschränkt.3

Um diese problematische Situation zu lösen, muss der interne Kampf gegen Drogenanbau und –handel durch den Einsatz weiterer Staaten unterstützt werden. Die USA und Russland hätten dafür die finanziellen und militärischen Ressourcen. Doch was bewegt diese langjährig verfeindeten Supermächte zu einer Zusammenarbeit?

Der Einfluss des afghanischen Drogenhandels auf die Vereinigten Staaten von Amerika ist von sicherheitspolitischer Art. Illegaler Vertrieb von Rauschgiften in großem Ausmaß durch paramilitärische Akteure untergräbt die Legitimität der Regierung und begünstigt Korruption. In diesem Zusammenhang kann auch ein negativer Einfluss auf Nachbarstaaten beobachtet werden. Die instabile politische Lage bedroht die regionale und internationale Sicherheit gleichermaßen. Drogenschmuggel über afghanische Landesgrenzen hinaus lässt auch in den umliegenden Regionen kriminelle Strukturen entstehen, die schnell zu einer Gefahr für Zivilbevölkerung und politische Akteure heranwachsen kann. Da die USA sich stets im Fadenkreuz des Terrors sehen, ist es in ihrem Interesse, den Anbau und Handel von Opiaten in Afghanistan zu bekämpfen.4

Für Russland ergibt sich durch den afghanischen Drogenhandel neben dem Sicherheitsrisiko eine weitere Bedrohung. Afghanisches Heroin führte in den vergangenen Jahren zu einer rapide ansteigenden Rate an Heroinabhängigen in der Föderation. Diese Rauschmittelkrise zeigte sich auch in besorgniserregenden Auswirkungen auf das Gesundheitswesen und auf die Praktiken der Strafverfolgung.1 Von einer russischen Drogenpolitik im eigentlichen Sinn kann nicht die Rede sein. Drogenkonsumenten sind Ausgestoßene ohne Möglichkeit auf Suchttherapie. Die Verabreichung und Einnahme von Substitutionsmitteln ist unter Haftstrafe verboten. Immer wieder kommt es zu gewaltsamen Übergriffen auf Abhängige durch selbsternannte „Drogenbekämpfer“. Attacken solcher Art werden von höchster Stelle geduldet und die Schläger bleiben meist unbestraft.5 Um seiner aktuellen Drogenkrise entgegenzuwirken konzentriert sich Russland darauf, die Verbreitung der Rauschgifte mit allen Mitteln zu unterbinden. Der Anti-Drogen-Kampf in Afghanistan ist auch ein Einsatz gegen die Heroinkrise im eigenen Land.

Die gemeinsamen Bemühungen von Russland und den Vereinigten Staaten den Drogenhandel in Afghanistan einzudämmen, konnten bis zur Ukraine-Krise eine langsam steigende Erfolgsrate vorweisen. Trotz Unstimmigkeiten über angemessene Vorgehensweisen wurden 2012 in gemeinsamen Einsätzen beispielsweise 2,5 Tonnen Opiate sichergestellt und zehn Drogenlabore zerstört.6

Die Krise in der Ukraine 2014 beschädigte jedoch die bilateralen Beziehungen. Die Experten des EastWest Institute gehen davon aus, dass es Jahre der Wiedergutmachung bedürfe, bis der gemeinsame Kampf Russlands und den USA gegen Drogen aus Afghanistan wieder Früchte tragen wird. Die zukünftige Zusammenarbeit der beiden Großmächte wird wohl immer im Schatten dieser diplomatischen Krise stehen.7

Während sich Moskau und Washington misstrauisch beäugen, floriert der Drogenhandel und –anbau in Afghanistan nach wie vor.

  1. EastWest Institute: Afghan Narcotrafficking. The State of Afghanistan’s Borders – aufgerufen am 22.4.2015 [] []
  2. EastWest Institute: Afghan Narcotrafficking. A Joint Threat Assessment – aufgerufen am 22.4.2015 [] []
  3. New York Times: Afghan Opium Cultivation Rises to Record Levels – aufgerufen am 22.4.2015 []
  4. EastWest Institute: Post-2014 Scenarios on Afghan Narcotrafficking – aufgerufen am 22.4.2015 []
  5. Deutschlandfunk: Keine Menschen, keine Probleme – aufgerufen am 22.4.2015 []
  6. The Diplomat: Can the United States and Russia Jointly Combat Afghan Heroin? – aufgerufen am 22.4.2015 []
  7. EastWest Institute: Afghan Narcotrafficking. The State of Afghanistan’s Borders – aufgerufen am 22.4.2015 []

Über Carolin / earthlink

Ich habe in Regensburg mein Studium der Politikwissenschaft abgeschlossen. Jetzt mache ich ein Praktikum bei earthlink, weil ich überzeugt bin, dass Aufklärung der erste Schritt in die richtige Richtung ist.
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