Wenn Drogenkartelle religöse Züge annehmen

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Für viele Menschen geht von Drogenkartellen eine gewisse Faszination aus. Das hat wohl damit zu tun, dass sich viele Mythen um die Organisationen und ihre Bosse ranken. Es gibt Lieder über bekannte Persönlichkeiten aus diesem Umfeld. Menschen sind scharenweise bereit für die Kartelle zu töten und zu sterben. Die Gruppen haben in ihren kontrollierten Gebieten oft so viel Einfluss, dass sie die Politik dort mitbestimmen oder sogar selbst machen können. Manche dieser Organisationen treiben es sogar so weit, dass sie sektenähnliche Züge annehmen. Wie zum Beispiel die Gruppe „Los Caballeros Templarios, auf Deutsch: Die Tempelritter.

So gut wie jede Gruppe, die im geheimen agiert, und der man Einfluss in gewisse gesellschaftliche Bereiche zuspricht, hat Bewunderer. Bei den mexikanischen Drogenkartellen ist dies nicht anders. Die Gruppen suchen sogar gezielt Künstler, die Bilder und Lieder über ihr Kartell oder ihre Führungspersonen machen, um einen gewissen mystischen Ruf zu bekommen. Mexikanische Drogenbanden mieten sich auf ihren pompösen Partys Bands an, die extra auf sie zugeschnittene Lieder spielen. Doch die Musik ist nicht nur dort präsent. In der ganzen mexikanischen und US-amerikanischen Gesellschaft finden sich Lobeshymnen auf Drogenbanden und deren Führungspersönlichkeiten1

Das beste aktuelle Beispiel dieser Mystifizierung ist der vor wenigen Wochen aus einem Hochsicherheitsgefängnis ausgebrochene Drogenbaron Joaquin Guzmán, besser bekannt als „El Chapo“. Schon vor seiner Flucht war er eine Berühmtheit in Mexiko, doch inzwischen ist er zur absoluten Kultfigur avanciert. Es gibt T-Shirts und andere Kleidungsartikel mit Motiven des Kartellbosses Die Modemarken kamen kaum mit dem Drucken der Kleidungsstücke hinterher.2 So bewundernswert die Öffentlichkeitsarbeit solcher Kartelle für ihre Bosse sein mag, ist dies noch lange nicht der Gipfel des Möglichen.

Es gibt Gruppen, die ihren Geschäften einen pseudoreligiösen Anstrich gegeben haben, um ihre Mitglieder an sich zu binden und einen regelrechten Kult aufzubauen. Die bekanntesten Beispiele hierfür sind die Gruppen „La Familia Michoacána (LFM) und die aus dieser Gruppe hervorgegangenen „Los Caballeros Templarios“ Die Familia Michoacána ging aus einer selbstorganisierten Verteidigungsgruppe hervor, die sich eigentlich gegen die Drogenkartelle stellen und lokale Orte vor Drogendealern und Entführern schützen wollte. Mit der Zeit verstrickte sich die Gruppe selbst immer mehr in den Drogenhandel und wurde zunehmend gewalttätig. Ihr Anführer, Nazario Moreno Gonzales, inszenierte sich selbst als Prophet und etablierte mit der Zeit einen religiösen Kult um die Organisation. Es gab eine eigene Lehre, spezielle Gebete und für die Gruppe heilige Schriften, die Gonzales selbst verfasst hatte. Die Mitglieder des Kartells handelten nicht aus finanziellen, sondern primär aus spirituellen Motiven. Verstärkt wurde diese Wahrnehmung, als die mexikanische Regierung Gonzales im Jahr 2010 fälschlicherweise öffentlich für tot erklärte. Er sei in einem Feuergefecht getötet worden. Diese Falschmeldung nutzte die Gruppe, um einen Auferstehungsmythos zu verbreiten. Auch wenn er viele Anhänger hinter sich versammeln konnte, war dies der Punkt, an dem die Organisation an Bedeutung verlor. Aus internen Machtkämpfen entwickelte sich die bis heute sehr einflussreiche Gruppe Los Caballeros Templarios. Bereits 2011 meldete die mexikanische Regierung, dass sie „La Familia“ als zerschlagen ansah. Bis auf die Verhaftung eines der neuen Führungsmitglieder und die tatsächliche Erschießung von Gonzales 2014, sorgte die Gruppe kaum mehr für Schlagzeilen.3

Umso mehr sorgten die Tempelritter für Aufsehen. Deren Rituale beinhalteten sogar Kannibalismus. Um ihre Treue zu der Organisation zu beweisen, mussten Mitglieder Herzen von getöteten Feinden des Kartells essen. Zudem machte die Gruppe mit ihrer Spezialisierung auf den Diebstahl und Handel mit Kinderorganen Schlagzeilen..4 Auch wenn der Kopf der Gruppe inzwischen gefasst und verhaftet worden ist, führt das Kartell seine Geschäfte weiter. Gefährlich ist die Gruppe vor allem wegen ihres Rückhalts in manchen Teilen der Bevölkerung. Sie sieht sich selbst als „notwendiges Übel“, um in Mexiko gegen Menschen zu kämpfen, die Terror verbreiten. Ihr erstes Ziel sei es, den Menschen Mexikos zu helfen. Mit Geldgeschenken, anderen Gaben und ihrem religiösen Anstrich sorgte das Kartell dafür, dass es genügend Rückhalt in der Bevölkerung hat, um geschützt operieren zu können.5

Diese Entwicklung ist mehr als bedenklich. Wenn die Menschen das Vertrauen in den Staat verlieren, und stattdessen den Worthülsen von pseudoreligiösen Kartellen Glauben schenken, kann das unabsehbare Folgen haben. Mit dem Rückhalt in der Bevölkerung haben diese Verbrecherorganisationen einen Grad an Narrenfreiheit erreicht, der es ihnen erlaubt, ihre Geschäfte fast ungestört zu betreiben. Mit der Festnahme des Anführers der Gruppe ist den mexikanischen Behörden zumindest ein Schlag gegen das Kartell gelungen. Wie nachhaltig dieser Erfolg genutzt wird, bleibt abzuwarten.

  1. norient.com: Drogen-Kultur oder Unkultur? – zuletzt aufgerufen am 17.08.15 []
  2. Bild.de: Kult nach Ausbruch: Shirts von Drogenboss El Chapo sind Bestseller – zuletzt aufgerufen am 17.08.15 []
  3. corrections.com: A Security Threat Group Challenge on the Horizon – zuletzt aufgerufen am 17.08.15 []
  4. focus Online: Mexikanisches Verbrechersyndikat: „Tempelritter“ sollen entführten Kindern Organe herausschneiden – zuletzt aufgerufen am 17.08.15 []
  5. Mexidata.info: Mexico Nabs the Leader of Michoacan’s „Caballeros Templarios – nicht mehr verfügbar []

Über Alexander / earthlink

Ich bin Student der Volkskunde/Europäische Ethnologie und absolviere mein Pflichtpraktikum bei Earthlink um einen Einblick in die Arbeit von NGOs zu erhalten. Wichtig ist mir, dass ich schon während dem Praktikum bei der Aufklärung helfen kann.
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