Immer mehr synthetische Drogen in Polen

Bild: © Erowid.org/Indiana University - Wikimedia Commons

Sosnowiec, Polen – Vier Krankenpfleger versuchen einen Teenager auf Drogen ruhig zu halten. Seine blutunterlaufenen Augen sind weit aufgerissen, er keucht schwer und sein Körper trieft vor Schweiß. Er zittert am ganzen Leibe. „Lasst mich“ brüllt er. Dr. Klopotowski, Leiter des Zentrums für Akute Vergiftungen in Sosnowiec sagt: „Einigen gelang es sogar, die relativ schwachen Fesseln durchzureißen.“

Letzten Sommer hatten sie viele dieser Fälle. Knapp 1.000 Patienten wurden zwischen Juli und August 2014 ins Klinikum eingeliefert. Die Vergiftungen waren sogenannten chemisch hergestellten Designerdrogen geschuldet, deren Ziel es ist, die Effekte von Marihuana, Kokain, LSD und anderer Drogen nachzuahmen. Laut der polnischen Gesundheitsministerin Marian Zembala war die am 1. Juli beantragte Aufnahme 114 weiterer Drogen in die Verbotsliste Ursache für die kürzlich hohe Vergiftungsrate. „Wir hatten damit gerechnet, aber nicht in einem so hohen Maße“, ließ sie verlauten.1 Die Betroffenen schienen neue, noch nicht illegale Substanzen mit unbekannten Reaktionen ausprobiert zu haben.

Designerdrogen begannen im Jahr 2008 als unkontrollierte Drogen weltweite Märkte zu erobern. Das anfangs stark betroffene Polen reagierte mit einem umfassenden Verbot aller bekannten Designerdrogen und ließ 1.400 Geschäfte schließen. Mit mäßigem Erfolg: 2013 waren neue Designerdrogen auf den Markt gekommen. Während 2010 über 500 Vergiftungen auftraten, waren es 2013 schon 5.350, mit mindestens 20 Toten. Die Drogen hatten drastisch an Popularität gewonnen, aufgrund der allgemeinen Verfügbarkeit, der billigen Beschaffungskosten und der stärkeren Wirkung. Synthetisches Cannabinoid zum Beispiel weist eine 100-mal stärkere Wirkung als traditionelles Marihuana auf.1

Ein Problem im Kampf gegen synthetische Drogen ist die Definition dieser Drogengruppe, welche an den sich ständig ändernden Markt neu aufkommender Drogen angepasst werden muss. In Polen, Irland und Großbritannien wird jüngst die Strategie des Pauschal-Verbots verfolgt, bei der alle natürlichen oder synthetischen Stoffe, die als Drogenersatz dienen, verboten werden. Leider treten hierbei neue Probleme auf: Die betroffenen Stoffe werden meist auch in medizinischen Prozeduren verwendet, die hiervon behindert werden. Laut einer Studie des European Monitoring Center for Drugs and Drug Addiction, werden die Hauptbestandeile der vier neuesten und meist verwendeten Designerdrogen aktiv in der Medizin genutzt.2 Pharmafirmen, die verbotene Substanzen benutzen, leiden unter langen Wartezeiten und hohen Kosten, bis sie die Lizenz für die benötigte Substanz erhalten. Desweiteren werden die synthetischen Edukte der Drogen auch in industriellen Produkten verwendet wie zum Beispiel in Farbe oder Zement. „Wir können nicht die gesamte Zementindustrie einschränken, nur weil einige Zwischenbaustoffe auch für illegale Drogen verwendet werden.“, sagt der polnische Vize Gesundheitsminister Igor Radziewicz-Winnivki.1

Auch wenn Polen mit fortschreitender Zeit immer mehr chemische Substanzen kriminalisiert, wird es Drogenchemiker nicht davon abhalten, molekularisch leicht veränderte, (noch) legale Produkte herzustellen. Als Lösung sieht Mr. Tettey vom United Nation Office die Einschränkung der Verfügbarkeit dieser synthetischen Drogen, wie auch eine verstärkte Aufklärungsarbeit über die Folgen des Konsums. „Wir müssen den Leuten klar machen, dass sie niemals genau wissen, was sie zu sich nehmen und wie sie darauf reagieren.“3

  1. nytimes.com: Poisonings in Poland – Zuletzt aufgerufen am 28.10.15 [] [] []
  2. emcdda.europa.eu: Trends-Developments – nicht mehr verfügbar []
  3. cicad.oas.org: Document – Zuletzt aufgerufen am 28.10.15 []

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