Legale Anbauprodukte statt Krieg gegen Kleinbauern

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Etwa 60.000 Familien sind in Kolumbien vom Anbau der Kokapflanze abhängig1 – die Regierung will Kleinbauern nach Jahrzehnten der Repression legale Alternativen statt dem Anbau von Koka bieten. Dies geschieht auch im Zusammenhang mit den Friedensverhandlungen zwischen der Regierung und der Guerilla-Organisation FARC, die den 51-jährigen bewaffneten Konflikt beenden sollen2 :  Eine Einigung der beiden Konfliktparteien und damit die Reduktion des Drogenhandels liegt in greifbarer Nähe. Dabei soll auch die lokale Bevölkerung stärker mit einbezogen werden.3

Statt umweltschädlicher Luftbesprühung der Kokafelder soll der weitere Anstieg des Kokaanbaus durch legale, alternative Agrarprodukte eingedämmt werden. Die Regierung will dabei verstärkt auf Maßnahmen setzen, die den Anbau von legalen Produkten für die Kleinbauern profitabel macht. In der Vergangenheit scheiterten Substitutionsprogramme meist an fehlender Unterstützung bei der Umsetzung, an schlechten Transportwegen und an dem geringeren Marktwert verglichen mit Koka.4

Eine alternative, nachhaltigere und umweltschonendere Herangehensweise zur Reduktion des Kokaanbaus wäre begrüßenswert.
Der Plan Colombia, der 1999 beschlossen wurde, hat zum Ziel, den Drogenanbau mit militärischen Mitteln zu unterbinden und damit den Frieden im Land zu sichern. Die Strategie wurde von den USA mit initiiert und finanziell unterstützt: Diese sah sich durch den wachsenden Drogenfluss von Kolumbien in die USA bedroht. Im Zuge dessen wurden massive Besprühungen mit Pestiziden, unter anderem dem krebserregenden Glyphosat, aus der Luft gestartet. Dabei wurden neben Kokaanbaugebieten auch die Felder von Kleinbauern, die legale Pflanzen anbauten, zerstört. Auch der Regenwald wurde massiv geschädigt. Bei der lokalen Bevölkerung kam es danach wiederholt zu Hauterkrankungen, Fehlgeburten und zu mentalen Störungen. Außerdem wurde den Menschen die Lebensgrundlage entzogen: Die Felder waren jahrelang unbrauchbar, die Wasserquellen verseucht und viele Tiere starben in Folge der massiven Besprühung mit dem Pestizid. Während die Luftbesprühung also für die militärischen Kräfte wesentlich ungefährlicher als eine Bodenoffensive war, hatten die Kleinbauern die Last zu tragen. Das führte zu einer Massenarmut in vielen ländlichen Regionen. Daraus entwickelte sich ein Teufelskreis: Der Anbau vom lukrativeren Koka erschien umso dringlicher.56 Die militärische Bekämpfung des Drogenhandels führte durch die immer gewalttätigeren Konflikte zwischen Rebellengruppen und der Regierung zu tausenden Toten, Verschwundenen und Vertriebenen. Auch das Militär war für Exekutionen und Vertreibungen verantwortlich.7

Einen wesentlichen Erfolg konnten die Eradikationsmaßnahmen zudem nicht verzeichnen: Die Drogenanbaugebiete wurden in entlegenere Winkel oder Nachbarländer verlagert. Somit wurde die Drogenproduktion durch die Luftbegasung nicht wesentlich eingedämmt. Dennoch versuchten amerikanische Offizielle, die Herbizidbesprühungen entgegen den Vorstößen der kolumbianischen Regierung beizubehalten.8

Koka ist eine Kulturpflanze – für die indigene Bevölkerung ist ein striktes Verbot sehr schwierig umzusetzen. Der Konsum von Kokablättern hat in der Andenregion seit 4500 Jahren Tradition.9 Etwa 60.000 Familien sind vom Anbau der Kokapflanze abhängig. Für viele Bauern ist der Kokaanbau schlichtweg der einzige Weg, ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Obwohl die Kleinbauern meist Abgaben an kriminelle Gruppen, die die Anbaugebiete kontrollieren, leisten, ist der Ertrag höher als bei anderen Agrarprodukten wie beispielsweise Avocado. Besonders in ländlichen Gebieten ist der Anbau von legalen Früchten schwierig, da die Früchte durch lange Transportwege verderben, bevor sie verkauft werden können.1

Ein weiteres Problem stellen subventionierte Agrarprodukte aus den USA dar: Durch das Freihandelsabkommen zwischen den USA und Kolumbien gelten für den Import von US-Agrarprodukten Steuererleichterungen. Durch die höhere Effizienz der industriellen Landwirtschaft in den USA sind die lokalen Produkte der kolumbianischen Bauern wettbewerbsunfähig mit den US-subventionierten Produkten. Ohne eine nachhaltige Unterstützung der Regierung durch lukrative, legale Alternativen kann die Substitution von Koka nicht gelingen.10

„Es gab keine Zukunft jenseits von Koka“, so ein Kleinbauer. „Mit Koka konnten wir in drei Jahren 30 000 Euro verdienen. Und Geld löst alle Probleme. Man kauft davon ein Haus, ein Auto und schickt die Kinder zur Schule.“11 Dies dokumentiert die jahrzehntelange Verfehlung des Staates, Kleinbauern, vor allem in den ländlichen Gebieten, Perspektiven aufzuzeigen.

Somit ist der Ansatz der Regierung auf jeden Fall eine Chance für Bevölkerung und Umwelt – sofern die Umsetzung nachhaltig gestaltet wird. Diese Bestrebungen, gepaart mit einer Einigung in den Verhandlungen mit den Rebellengruppen, könnte tatsächlich eine neue Ära des Friedens für die lokale Bevölkerung bedeuten.

  1. Die Zeit: Die Farc geht auf Kokain-Entzug – Stand 23.03.2016 [] []
  2. epo: Friedensvertrag Kolumbien – Hilfs- und Menschenrechtsorganisationen vorsichtig optimistisch – Stand 23.03.2016 []
  3. The Daily Beast: Inside Colombia’s ( New ) Cocaine Explosion – Stand 23.03.2016 []
  4. InSight Crime: Southwest Colombia to Iniatiate Coca Eradication Program – Stand 23.03.2016 []
  5. The Guardian: Colombian farmers count cost of airborne assault on drug fields – Stand 23.03.2016 []
  6. Newsweek: Colombia to end coca farm glyphosate sprayings – Stand 22.03.2016 []
  7. The Guardian: Plan Colombia’s mixed legacy: coca thrives but peace deal may be on horizon – Stand 23.03.2016 []
  8. The Time: Experts Fear Surge in Cocaine Supply to U.S. as Colombia Mulls Ending Coca Eradication – Stand 23.03.2016 []
  9. Vice News: How Bolivia Got Smart and Convinced Poor Farmers to Grow Less Coca – Stand 23.03.2016 []
  10. AG Friedensforschung: Liberalisierung auf Kosten der Kleinbauern – Stand 23.03.2016 []
  11. Tagesspiegel: Kolumbien macht Koka-Bauern Angebote – Stand 23.03.2016 []

Über hannah / earthlink

Hallo da draußen, im Jahr 2015/16 begleit ich earthlink als Bundesfreiwillige. Neben Recherchearbeiten und dem Schreiben von Artikeln gehört auch das Blumengießen zu meinen speziellen Befähigungen. Auf euch als Interessenten, Sympathisanten und Diskutanten von earthlink frei i mi!
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