Venezuela: Warao-Indianer als Schmuggler benutzt

Bild: © Roar Johansen - wikimedia commons

Die Warao-Indianer sind eine bedeutende Ethnie in Venezuela, welche von der Kolonialisierung fast unberührt zurückgelassen wurde. Sie besiedeln das Orinoco-Delta im Osten des Landes. Doch die friedlichen, auf Tauschwirtschaft beruhenden Siedlungen, die entlang der Atlantikküste Venezuelas verlaufen, werden nun als Handelsrouten von Drogenhändlern genutzt.

Die kriminellen Banden ziehen ihren Nutzen aus der Treuherzigkeit und der gleichzeitigen Aufgeschlossenheit vieler Indigener. Im Orinoco-Delta gibt es 3.555 befahrbare Wasserwege, ein Labyrinth von Strömen umgeben von Regenwald, in welchem sich nur die Warao auskennen. Diese Bedingungen ermöglichen den Drogen-, Waffen- und Benzinverkehr nach Trinidad und Tobago, Guyana und andere karibische Ziele.

Delta de Orinoco pueblo de Warao

(c) Katepalitava Wikimedia Commons

Das Streben nach einem besseren Leben treibt die ansässigen Gemeinden in die organisierte Kriminalität. Das „schnelle Geld“ wird gebraucht, um ein Motorboot  zu kaufen, was den sozialen Aufstieg mit sich bringt, oder besser noch: einen Strom-Generator zur Beleuchtung des Flusses, damit man keinen Diesel mehr nutzen muss.

Deswegen verschiffen die Indigenen bis zu 700 Kilo Kokain pro Fahrt sowie auch Marihuana und Crack. Dazu werden Kanus, Schiffe sowie halbtauchende U-Boote, wie sie auch in Kolumbien benutzt werden, eingesetzt. Durch doppelte Böden oder die Ware bedeckendes Gemüse und Fisch hoffen die Indianer, von der Polizei nicht entdeckt zu werden.

Mit diesem Geschäft machen sich die Warao zum Ziel für die Sicherheitsbehörden. 50 Indigene sind innerhalb eines Jahres aufgrund von Delikten verbunden mit dem Handel von Rauschmitteln und Benzin angeklagt worden, 23 davon wegen Schmuggels.

Inhaftierung von Waraos – Eine Schule der Verbrechen

Gefängnis in Venezuela

(c) CONOCER Wikimedia Commons

Zusätzlich zur Haft müssen die Insassen wöchentlich 2.500 Bolívares (222 Euro) für die Finanzierung des Gefängnisses zahlen. Dies können sich viele Inhaftierte nicht leisten. Stattdessen können sie den Betrag auch erarbeiten, indem sie etwa Wasser schleppen oder die Kleidung der anderen Häftlinge waschen. Die Schmuggler werden in das lokale Gefängnis in der Guasina Polizeistation gebracht, in dem nicht einmal für Essen gesorgt wird. Bringt die Familie keine Nahrung, müssen die Häftlinge hungern. Die Mehrheit der Gefangenen sind aufgrund von Schmuggel oder Totschlag verurteilt worden. Diese befinden sich nun in einer Region, in welcher sie sich komplett fremd fühlen. Eingeborene sollten laut dem Gesetz für indigene Gemeinschaften weit ab von der Zivilisation leben. In der Polizeistation sind sie allerdings unter dem direkten Einfluss der Kreolen, die von europäischer Abstammung sind. Wegen dem Unverständnis der Insassen für ihre Strafe erleiden sie Depressionen. Zacarias Kariuki, ein Vertreter der katholischen Kirche, hat bis vor Kurzem Inhaftierte mit Essen versorgt. Aufgrund der wirtschaftlichen Krise ist das nun nicht mehr möglich. “Die geographische Distanz zur Familie, die anhaltende Armut und ihre Hilflosigkeit gegenüber der Staatsgewalt in der Guasina Polizeistation, führen dazu, dass indigene Häftlinge mehr leiden als die meisten“, so Kariuki.

Die Gefängnisse sind vergleichbar mit einer Schule der Kriminalität. Insassen können oft die täglichen Kosten nicht zahlen und werden vom Haftführer, „Pran“ genannt, zu Sexualakten gezwungen. Im Nachhinein verlassen die Ureinwohner das Gefängnis als Kriminelle, obwohl sie vorher keine schlechten Absichten verfolgten.

Fehlende rechtliche Bildung

Die Warao werden auch „Gente del Agua“ genannt, was kein Wunder ist, da sich ihr ganzes Leben am Wasser abspielt. Sie wohnen in Häusern auf Pfählen an den Rändern des Flusses, gehen von Kind auf mit ihren Eltern fischen und Baden im Fluss. Ein übliches Geschenk zur Hochzeit ist ein selbst angefertigtes Kanu des Bräutigams. Schulen sind fern und waren für dieses Volk auch nicht essentiell – bis es in das „Spinnennetz“ des Drogenhandels geriet.

Haus der Warao

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Die Warao-Stammesangehörigen lügen kulturell bedingt nie. Wenn sie gefragt werden, ob sie Drogen mit sich führen, stehen sie sofort für ihre Tat ein. Allerdings ist ihnen meist nicht bewusst, dass sie gerade eine Straftat ausführen. Deswegen fordert Alexis Valenzuela, Mitglied des lateinamerikanischen Parlaments, ein Bildungsprogramm für den Stamm, welches diesen über die Gesetze des Landes aufklärt.

Eindämmung des Drogenhandels bereitet Schwierigkeiten

Das Amacuro-Delta umschließt vier Gemeinden. Zwei davon – Antonio Díaz und Pedernales- sind Fluss-Gemeinden. Dieses dezentralisierte Netzwerk zu kontrollieren, benötigt einen starken politischen Willen. Antonio Díaz, die größte Gemeinde, ist auch als „Bajo Delta“, unteres Delta, bekannt. Es liegt direkt an der Flussmündung in den Atlantik und somit an der Route nach Guyana. Die Ökonomie dieser Region wird mehr und mehr vom Dollar regiert, da der Ort das Herz des Schmuggelhandwerks ist. Fast die gesamte indigene Bevölkerung ist am Schmuggel beteiligt weil sie davon ausgeht, dass sie nichts zu verlieren haben. Pedernales befindet sich an dem Flussbett, das mit dem Golf von Paria verbunden ist. Von dort aus hat man eine offene Tür zu den Schwarzmärkten der Inseln. Die Behörden sind chancenlos. Es gibt nicht genug Soldaten, Schiffe und Ressourcen, um alle Kanäle zu kontrollieren. Fahren diese in die eine Richtung, starten die Schmuggler eben in die entgegengesetzte Richtung.

Wer steckt dahinter?

Als im Jahre 2009 eine Werkstatt für halbtauchende U-Boote entdeckt wurde, verdächtigte man die FARC, da von der kolumbianischen Guerilla dieselben Boote gebraucht wurden. Der östliche Block der FARC kontrolliert 80 Prozent der Drogenoperationen im Delta Amacuro. Dort gibt es seit dem Jahr 2000 vermehrt bewaffnete kolumbianische Gruppen, welche unter dem Schutz der Polizei stehen. Das ist auch ein Grund dafür, dass die Angst allgegenwärtig ist. Ramón Ramírez, ein Gemeinde-Aktivist der Warao, stellt fest, dass viele verdächtige Aktivitäten rund um die Inhaftierung und Sanktionierung der Einwohner vor sich gehen. Die lokale Bevölkerung, die wie Maultiere für den Transport der Waren eingesetzt wird, muss mit hohen Strafen rechnen, während die wahren Drogenhändler weder verfolgt noch sanktioniert werden.

Venezuelas Gesetzgebung verlangt, dass die Richter den sozioökonomischen Stand der Warao in ihr Urteil mit einbeziehen und Alternativen zu einer Inhaftierung suchen, welche die Reintegration in ihre Gemeinde ermöglichen. Das wurde aber bisher nicht umgesetzt. Die Gesetzeslücke, welche die Behörden vor die schwierige Entscheidung im Umgang mit Indigenen stellt, nutzen die Drogenhändler geschickt aus. Die Warao werden benutzt, da sie nach einem Geständnis „nur“ drei Jahre im Gefängnis bleiben müssen. Aber ganz gleich wie lange die Inhaftierung ist, die Menschen erleiden einen heftigen psychischen Schock, da sie die Zivilisation nicht gewohnt sind. Der zugehörigen Familie wird die Existenzgrundlage entzogen.12

Ähnliche Szenen spielen sich auch im Norden Mexikos ab: Junge Männer der Tarahumara, ein anderes indigenes Volk Lateinamerikas, werden rekrutiert, um Marihuana über die amerikanische Grenze zu bringen und setzen sich somit dem Risiko der Strafverfolgung durch die USA aus, wobei die wahren Händler unentdeckt bleiben. Die durchlässige und unkontrollierte Grenze Venezuelas, die vergessene Region, ist bewohnt von einer gefährdeten indigenen Bevölkerung, den Waraos. Somit bildet sie einen Boden auf dem jede mögliche Art der Kriminalität und der Ungerechtigkeit prächtig gedeiht.

  1. insightcrime.org: Telerana del narcotráfico atrapa a indigenas waraos de venezuela – Artikel vom 22.03.2016 []
  2. insightcrime.org: How Venezuela´s Indigenous Became Entangled in Drug Trafficking – Stand 30.03.2016 []
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