Internationale Drogenkontrolle erzeugt Leiden durch fehlende Medikamente

Painkillers | Bild: © Eric Norris [CC BY 2.0] - flickr

Über 75 Prozent der Weltbevölkerung haben derzeit nahezu keinen Zugang zu verschiedenen schmerzlindernden Präparaten. Die WHO schätzt, dass jährlich mehrere zehn Millionen Menschen unter extremen Schmerzen leiden, weil sie keinen Zugang zu kontrollierten Medikamenten, insbesondere Opiaten, haben. 1

Verantwortlich dafür ist vor allem der internationale „War on Drugs“. Er verschärft die globale Krise des ungerechten Zugangs zu kontrollierten Arzneien. Diese Medikamente werden aber in der Neurologie, Psychiatrie und Anästhesie und vor allem in der Palliativmedizin gebraucht. Im Fall von Morphin, einem der wichtigsten Schmerzmittel, werden jedoch 92 Prozent der weltweiten Versorgung von nur 17 Prozent der Weltbevölkerung verbraucht. Allein die USA beanspruchen mit einem Bevölkerungsanteil von nur fünf Prozent über 57 Prozent dieser Substanzen. Im Jahr 2014 waren im Gegensatz dazu starke Opioide und Opiate in über 150 Ländern, vor allem auf der Südhalbkugel praktisch nicht erhältlich.2

Landesregierungen und Institutionen orientieren sich bei Entscheidungen, welche Medikamente in die Gesundheitsversorgung aufgenommen werden, an einer Liste der WHO und bestätigen mit einem Einheits-Übereinkommen den „weiterhin unverzichtbaren Einsatz von kontrollierten Substanzen zur Schmerzbekämpfung und Leidensminderung“. Außerdem verpflichten sie sich zu „entsprechenden Maßnahmen zur Sicherstellung ihrer Verfügbarkeit“. Trotzdem haben zahlreiche Länder die Vorgabe nicht erfüllt. Untersuchungen ergaben, dass bei Patienten ohne vorgängigen Missbrauch nur eine Abhängigkeitsgefahr von 0,43 Prozent besteht und eine Bedrohung für Missbrauch bloß bei 0,05  Prozent liegt. Die nationale und internationale Angst davor  ist jedoch stärker als das Interesse an medizinischer Verfügbarkeit. Menschen mit vorgängigem Drogenkonsum oder -missbrauch haben deshalb nahezu keinen Zugang zu opioidhaltigen Schmerzmitteln.1

Diese Angst wird besonders verschärft, weil Regierungen und UN-Gremien Handelsumlenkungen für illegale Zwecke verhindern wollen und dies über den Zugang für medizinische oder wissenschaftliche Zwecke stellen. Die Drogenkontrollgesetze stufen den Zugang zu kontrollierten Medikamenten als zweitrangig, hinter dem Verhindern von Handelsumlenkungen, ein. Somit besteht ein starkes Ungleichgewicht. Besonders der operative Teil stellt Bestrafung und Verbote in den Vordergrund und macht keine Vorschläge zur Sicherstellung der Medikamentenverfügbarkeit. Auch auf nationaler Ebene wird, bedingt durch die internationalen Vorgaben bei der Drogenkontrolle, überwiegend strafrechtlich vorgegangen, anstatt einen gesundheitspolitischen Ansatz zu verfolgen.1

Einige Länder regulieren die Abgabe von kontrollierten Medikamenten derart streng, dass Ärzte in einem Klima der Angst und rechtlichen Verunsicherung operieren müssen. Die Furcht vor strafrechtlicher Verfolgung oder wegen Berufspflichtverletzung angeklagt zu werden, hält viele davon ab, diese Medikamente zu verschreiben. Des Weiteren beeinflusst dieser Zustand die gesellschaftliche Haltung und trägt zur Diskriminierung von Konsumenten bei. Auch die regulatorischen Rahmenbedingungen sind in vielen Ländern extrem. Oft gibt es zum Beispiel eine limitierte Anzahl an Tagen, für die ein Rezept ausgestellt werden darf. In Ghana beträgt diese Zeit beispielsweise nur zwei Tage. Teilweise müssen Patienten sich entweder „registrieren“ oder eine „Spezialbewilligung“ erhalten, um anspruchsberechtigt zu sein. Das größte Problem sind jedoch die unverhältnismäßigen Strafen beim „Fehlverhalten im Umgang mit Opioiden“. In einigen Ländern existiert etwa noch immer die Todesstrafe für den Besitz oder Konsum von Drogen. Das starke Defizit in Verfügbarkeit und Zugang von Schmerzmitteln hat schwerwiegendere psychische, soziale und wirtschaftliche Konsequenzen. Patienten ohne Zugang zu kontrollierten Medikamenten werden geschwächt und immobil. Zudem führt dies  zu zukünftigen Arbeitsausfällen.3

Viele Menschen setzten große Hoffnungen in die UN-Konferenz zur Drogenpolitik im April 2016 und tatsächlich wurde das Thema des sicheren Zugangs zu Medikamenten auf der Konferenz diskutiert. Es wurde beschlossen, dieser Problematik mehr Aufmerksamkeit zu widmen und dafür neue Methoden zu finden.4 Der Generalsekretär Kofi Annan setzte sich beispielsweise für eine weltweite Entkriminalisierung von Drogen ein.5  Es gab auch eine Stellungnahme des UNODC, die  dies empfiehlt. Sie wurde aber wegen extremen Drucks einiger Industriestaaten zurückgezogen.6

Trotz großer medizinischer Fortschritte in den letzten 100 Jahren gibt es bis heute in der Behandlung von mittelschweren bis starken Schmerzen keine Alternativen zu starken Opioiden. Das unterstreicht die Dringlichkeit für eine verbesserte Verfügbarkeit weltweit, um das Leid einiger der schwächsten Bevölkerungsgruppen zu mindern. Diese Problematik muss also weiterhin im internationalen Blickpunkt stehen und darf nicht, durch den Druck einiger Länder, in den Hintergrund gestellt werden.

  1. Weltkomission für Drogenpolitik: Die verheerenden Auswirkungen der Drogenkontrolle auf die Volksgesundheit; veröffentlicht im 09.2014 [] [] []
  2. n-tv: schlechter Zugang zu Schmerzmitteln; veröffentlicht am 03.03.2015 []
  3. Weltkomission für Drogenpolitik: Die verheerenden Auswirkungen der Drogenkontrolle auf die Volksgesundheit; veröffentlicht im 09.2014 []
  4. Henrik Jungaberle: Die UNO-Generalversammlung beschäftigt sich mit der internationalen Drogenpolitik; nicht mehr verfügbar []
  5. SpiegelOnline: Kofi Annan on Why it´s Time to legalize drugs; veröffentlicht am 22.02.2016 []
  6. welt: UN-Dokument fordert legalen Konsum aller Drogen; veröffentlicht am 19.10.2015 []

Über Marie / earthlink

Ich studiere im vierten Semester Geographie in Bochum. Momentan mache ich für zwei Monate ein Praktikum bei earthlink, weil ich mich sehr für entwicklungspolitische Zusammenhänge interessiere und dabei mitwirken möchte, Menschen über die Probleme zu informieren.
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