Die dunkle Seite des Karnevals in Rio: Befriedung der Drogenkonflikte bleibt ein Ziel in ferner Zukunft

Karneval in Rio de Janeiro

Bild: © - Adam Reeder - [CC BY-NC 2.0] - Flickr

In der Nacht vor Aschermittwoch erreichte der Karneval in Rio de Janeiro auch dieses Jahr mit der Verkündung der besten Tänzer wieder seinen Höhepunkt. In farbenprächtigen, pompösen Kostümen tanzten tausende Mitglieder der so genannten Sambaschulen durch die Arena des Sambódromo. Doch auch außerhalb der Arena, welche vornehmlich von Touristen besucht wird, wurde gefeiert. Dabei scheint es, als habe die seit 2008 neu implementierte Politik zur Befriedung der Favelas zumindest dazu beigetragen, dass die Lust zum Feiern des Karnevals auch in den ärmeren Bevölkerungsschichten zurückgekehrt ist.1 Bis heute gelten etwa 37 der mehr als tausend Favelas von Rio de Janeiro, welche sich vor allem im näheren Umfeld touristisch stark frequentierter Regionen befinden, als befriedet.2

Die Strategie zur Pazifizierung umfasst dabei zunächst ein meist sehr hohes Aufgebot stark bewaffneter Polizeieinheiten, welche einen Stadtteil erst von der lokal herrschenden Drogengang zurückerobern und anschließend einen Stützpunkt der so genannten Befriedungspolizei (UPP) errichten. Um diese Einsätze jedoch überhaupt erfolgreich durchführen zu können, werden sie oft angekündigt, sodass sich insbesondere die führenden Mitglieder der Gangs in andere, nicht befriedete Favelas zurückziehen können, während kleinere Dealer ihre Waffen verstecken und bleiben. Als Resultat floriert der Drogenhandel selbst in befriedeten Favelas im Geheimen auch nach der polizeilichen Intervention weiter.2

Wenngleich die UPP auch versucht, anhaltenden Kontakt zur Bevölkerung aufzubauen und die Probleme der Bürger zu hören, so stößt sie dabei doch häufig auf großes Misstrauen, aufgebaut über Jahre, in denen das Auftauchen der Polizei nur Schießerei und Gewalt bedeutete. Hinzu kommt  die Angst, durch den Kontakt zur Polizei Repressionen durch die Drogenhändler ausgesetzt zu werden. Die Befriedung der Favelas stellt also nur ein sehr fragiles, momentanes Gleichgewicht dar, das durch immer wiederkehrende Attacken der Drogengangs beständig  angegriffen und gefährdet wird.3

Diese Problematik wird insbesondere seit den beiden extrem teuren Großereignissen der Fußballweltmeisterschaft 2014 sowie der Olympischen Sommerspiele 2016 dadurch verschärft, dass die Gehälter der Polizei nicht mehr in vollem Umfang bezahlt werden können.4 So wurden die Projekte aus demselben Budget bezahlt, welches eigentlich für die Aufrechterhaltung der grundlegenden öffentlichen Dienstleistungen zur Verfügung stehen sollte. So beläuft sich das Haushaltsdefizit des Bundesstaates Rio de Janeiro für das Jahr 2017 Schätzungen zu Folge auf etwa sechs Milliarden Dollar.5 In Folge ist die Polizei derzeit kaum einsatzfähig. Eine Situation, welche vor allem kriminelle Gangs für sich nutzen, sodass es vermehrt zu Raubzügen und Bandenstreitigkeiten kommt. Dies führt wiederum dazu, dass erneut ernsthafte Schwierigkeiten in Bezug auf die Gewährleistung öffentlicher Sicherheit auch in den kommenden Jahren zu befürchten sind. Diese Lage wurde neben der unverantwortlichen, von Korruptionsskandalen dominierten Politik des früheren Präsidenten Lula da Silva auch wesentlich durch das egoistische Verhalten des Fußball-Weltverbandes sowie des Internationalen Olympischen Komitees massiv negativ beeinflusst.6

Die Karnevalstage, ebenso wie andere Großereignisse, stellen jedoch für Rio ungeachtet der Sicherheitslage – bedingt durch den betriebenen Tourismus – eine zentrale finanzielle Einnahmequelle dar. Um also dennoch für zumindest temporäre Sicherheit sorgen zu können, wurde dieses Jahr anlässlich des Karnevals sogar das brasilianische Militär eingesetzt. Das Sicherheitskonzept scheint vor diesem Hintergrund also speziell darauf ausgelegt zu sein, negative Schlagzeilen in der Weltpresse zu vermeiden und Sicherheit für den Zeitraum der öffentlichen Aufmerksamkeit zu gewährleisten.6

Doch mit Blick auf Rio heute zeigt sich: Auch nach schwer bewachten Megaevents wie den Olympischen Spielen oder Karneval, welche Bandenkriege, Morde und Überfälle zeitweise zu verdrängen scheinen, gelingt es nicht dauerhaft, für eine Befriedung der Bandenkriege und damit für bleibende Sicherheit im Land zu sorgen. So steht Brasilien nun, knapp ein Jahr nach Olympia und nur wenige Tage nach dem Karneval in Rio de Janeiro, wieder vor den alten Problemen, ohne Aussicht diese nachhaltig bewältigen zu können.7 Und so stellt die Touristenattraktion des brasilianischen Karnevals jedes Jahr eine erneute Bewährungsprobe für die ohnehin schon fragile Sicherheitslage des Landes dar.

  1. Inside Favela: Karneval 2013 in der befriedeten Favela „Complexo do Alemão“ in Rio de Janeiro; Artikel vom 16.02.13 []
  2. Ulla Ebner: Mehr als nur Karneval: Sambaschulen in Rio; Artikel vom 04.03.14 [] []
  3. Ulla Ebner: Mehr als nur Karneval: Sambaschulen in Rio; Artikel vom 04.03.14 []
  4. Insight Crime: Rio de Janeiro Budget Crisis Heightens Security Concerns for Carnival; Artikel vom 20.02.17 []
  5. Die Welt: Rio ruft sieben Wochen vor Olympischen Spielen wegen Haushaltskrise Notstand aus; Artikel vom 18.06.16 []
  6. Die Welt: Angst vor Gewalt lähmt Karneval in Rio; Artikel vom 22.02.17 [] []
  7. Die Welt: Angst vor Gewalt lähmt Karneval in Rio; Artikel vom 22.02.17 []

Über Verena / earthlink

Ich studiere Politik- und Verwaltungswissenschaften im Master und bin nun für 6 Wochen Praktikantin bei Earthlink. Ich freue mich besonders mich in dieser Zeit intensiv mit aktuellen entwicklungspolitischen Themen zu beschäftigen und mich hierfür sozial zu engagieren.

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