Marihuana als aktueller Exportschlager: Neue Drogendynamik gefährdet Chile

Marihuana-Konsum

Der Konsum und Handel von Drogen ist in Argentinien stark angestiegen Bild: © misterio_henry [CC BY-ND 2.0] - Flickr

Nach dem Fund von mehr als 400 Kilogramm hoch-qualitativen Marihuanas in Santiago de Chile, welches Berichten zu Folge aus Kolumbien stammt, wird vermutet, dass sich eine maßgebliche Veränderung in der Struktur des Drogenhandels in Südamerika abzeichnen könnte. So scheinen insbesondere die produzierenden Staaten Kolumbien, Paraguay und Peru ein verstärktes Interesse an dem Export von Marihuana, einer Droge, welche bisher überwiegend zum Konsum im eigenen Land produziert wurde, zu entwickeln. Mit einem Verkaufswert von etwa neun Millionen US-Dollar handelt es sich im vorliegenden um den größten, jemals entdeckten Fall von Marihuana-Schmuggel in Chile. Doch bereits in den letzten Jahren zeichnete sich ein starker Anstieg des Schmuggels von Marihuana, insbesondere aus Kolumbien, ab. Wurden im Jahr 2012 weltweit noch 520 Kilogramm der kolumbianischen Droge entdeckt, so stieg der Wert 2016 auf über 5.100 Kilogramm.1

Die Profiteure dieses Geschäfts sind vor allem Angehörige revolutionärer Gruppierungen, welche ihre kriminellen Handlungen überwiegend aus dem Drogenhandel finanzieren. Besondere Chile stellt dabei einen sehr lukrativen Markt zum Verkauf von Drogen dar. So lässt sich das Kilogramm Marihuana für etwa 25 US-Dollar produzieren und innerhalb des produzierenden Landes für etwa 100 US-Dollar verkaufen. In Santiago kann hingegen annähernd das 10-Fache erwirtschaftet werden.2 So ist der kleine Staat, welcher eine vergleichsweise starke Wirtschaft besitzt und eine fortschrittliche Sozialpolitik betreibt, zunehmend dem Schmuggel illegaler Substanzen, insbesondere durch die Nachbarstaaten ausgesetzt.

Besonders einflussreich ist dabei Paraguay, der größte Produzent von Marihuana in der Region. Wenngleich keine konkreten Daten über die Größe der Anbauflächen vorliegen, so kann man Schätzungen zu Folge dennoch davon ausgehen, dass Paraguay jährlich bis zu 10.000 Tonnen Marihuana produziert. Der Drogenhandel dort wird insbesondere von der Rebellengruppe der „Paraguayan People’s Army“ (EPP) kontrolliert. Die lokalen Bauern, welche ihr Land für den Anbau der Droge zur Verfügung stellen, werden von den Schmugglern für die Aufzucht der Pflanzen bezahlt. Diese verkaufen das Rauschgift dann in großem Stil über die Grenzen des Landes hinaus weiter. Mit einem durchschnittlichen Verkaufswert von etwa 100 US-Dollar pro Kilo bedeutet dies etwa eine Milliarde US-Dollar für das organisierte Verbrechen pro Jahr. Damit resultiert eine durchaus beachtliche Einnahmequelle vieler drogenproduzierender Staaten Südamerikas aus diesem illegalen  Markt, durch den dem Staat viel unversteuertes Kapital verloren geht.3

Und auch Peru drängt zunehmend auf den lukrativen, chilenischen Drogenmarkt. Gelingt es, diesen zu dominieren und dadurch finanzielle Mittel zu erwirtschaften, so lässt sich ein Wiederaufleben der ehemals starken Guerillabewegung des „Shining Path“ befürchten. Zwar stellen diese gegenwärtig keine Gefahr mehr für die Funktionsfähigkeit des peruanischen Staates dar, jedoch lässt sich bereits ein Erstarken dieser Gruppierung in einer Region im Zentrum Perus erkennen.4

Nicht nur Chile, welches als Vorbild für die Entwicklung in Südamerika gilt, scheint also in Gefahr, auch die neu entstandene Stabilität der anderen, an dieser neuen Dynamik des Drogenhandels beteiligten Länder, ist betroffen. So schaffte Kolumbien erst Ende letzten Jahres durch einen Friedensvertrag mit der FARC einen ersten, politischen Fortschritt zur Eindämmung der Gewalt und Verbesserung der sozialen Lage des Landes.5

Die staatlichen Maßnahmen gegen die Kultivierung von Marihuana-Pflanzen bleiben jedoch überwiegend auf die Zerstörung der Pflanzen sowie des Saatgutes beschränkt, denn dieses Vorgehen ist billiger als die oft komplizierte Verbrechensverfolgung. Eine negative Konsequenz dessen ist jedoch der dadurch ausgelöste Anstieg an Gewaltverbrechen und Diebstählen. Denn durch die enge Verflechtung des Drogenhandels mit der lokalen Wirtschaft ergibt sich für viele – bei großflächiger Zerstörung der Anbauflächen – eine finanziell prekäre Situation. Eine weitere Folge ist der Anstieg des Marktwertes der Droge, so dass der Handel wiederum zu einem attraktiven Geschäft wird. In diesem sehen überwiegend die verarmten Teile der Bevölkerung einen Ausweg.3

Den drogenproduzierenden Staaten ist dabei gemeinsam, dass sie, trotz des teils beginnenden Wirtschaftswachstums, nicht allen Teilen der Bevölkerung einen Zugang zu dem daraus resultierenden Wohlstand zusichern können. Viele, besonders die Landbevölkerung, welche oft sogar noch von Subsistenzwirtschaft lebt, bleiben ausgeschlossen. Bauern in diesen Regionen sehen somit den Anbau der profitablen Droge oft als einzige Möglichkeit, ihren Lebensunterhalt sichern zu können. In Kombination mit einem verhältnismäßig schwachen Staat, welcher sein Gewaltmonopol nicht gegenüber den schwer bewaffneten Rebellengruppen, die den Drogenmarkt kontrollieren, durchsetzen kann, ist eine Verbesserung der Lage kaum möglich.6

Mit der Zerstörung der Pflanzen wird das Übel also keines Wegs an der Wurzel gepackt. Vielmehr werden dabei Ressourcen ausgeschöpft, welche auch in soziale Projekte investiert werden könnten und damit eine nachhaltigere Eindämmung des Drogenhandels bewirken würden.3

  1. Insight Crime: Colombian Marijuana Seizure in Chile Could Signal Market Shifts; Artikel vom 15.03.17 []
  2. Insight Crime: Paraguay’s Top Anti-Drug Agent Talks Marijuana Trade; Artikel vom 17.09.14 []
  3. Insight Crime: Paraguay’s Top Anti-Drug Agent Talks Marijuana Trade; Artikel vom 17.09.14 [] [] []
  4. Insight Crime: Shining Path; Artikel vom 01.12.15 []
  5. Bundeszentrale für politische Bildung: Kolumbien; Artikel vom 07.10.16 []
  6. Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung: Peru: Situation und Zusammenarbeit; Stand vom 16.03.17 []

Über Verena / earthlink

Ich studiere Politik- und Verwaltungswissenschaften im Master und bin nun für 6 Wochen Praktikantin bei Earthlink. Ich freue mich besonders mich in dieser Zeit intensiv mit aktuellen entwicklungspolitischen Themen zu beschäftigen und mich hierfür sozial zu engagieren.

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