Kolumbien: Polizisten erschießen friedliche Demonstranten

Kolumbianische Polizei

Polizisten einer kolumbianischen Spezialeinheit Bild: © Policía Nacional de los colombianos [CC BY-SA 2.0] - Flickr

Vergangenen Donnerstag, am 5. Oktober, ist es in Llorente, Teil der Großgemeinde Tumaco im kolumbianischen Departamento Nariño, zu einem Massaker an der Zivilbevölkerung gekommen. Einsatzkräfte der staatlichen Anti-Drogen Einheit eröffneten das Feuer auf friedliche Demonstranten und schossen wahllos in die Menge. Offizielle Angaben gehen von mindestens 6 Toten und 19 Verletzten aus. Andere Quellen berichten, dass bis zu 15 Menschen getötet und 50 verletzt wurden, davon 18 schwer. Unter den Demonstranten befanden sich zum größten Teil Kleinbauern. Sie protestierten gegen die zwangsweise von der Regierung verordnete Vernichtung von Kokasträuchern und für die Umsetzung der im Friedensabkommen mit der FARC vereinbarten Alternativen für den Anbau von illegalen Kulturen.12

Die Region um Tumaco ist ein Hotspot der kolumbianischen Kokainproduktion und vereint die höchste Konzentration an Kokasträuchern im ganzen Land. Früher hatte hier die FARC das Sagen und machte mit dem Drogenhandel lukrative Geschäfte. Für die um Tumaco ansässigen Bauern hingegen war der Anbau von Koka jahrzehntelang die einzige Einkommensmöglichkeit. Mittlerweile hat die Guerilla mit der Regierung ein Friedensabkommen geschlossen und das Gebiet verlassen. Im Abkommen ist auch vorgesehen, den Bauern durch den Handel mit legalen Kulturen eine Alternative zum Kokaanbau zu ermöglichen. Sie sollen die Kokasträucher ausreißen und Kakao, Kaffee oder Bananen anpflanzen. Im Gegenzug will die Regierung sie mit rund 4000 Euro pro Jahr unterstützen und Geld für Infrastruktur und lokale Gemeindeprojekte bereitstellen.

In vielen jahrelang vernachlässigten Regionen ist das Misstrauen gegenüber der Regierung jedoch ziemlich groß. Außerdem werden vielerorts Bauern von bewaffneten Gruppen bedroht, die mit dem Kokainhandel hohe Gewinne erwirtschaften wollen und denen deshalb das Abreißen der Kokasträucher ein Dorn im Auge ist. Die Regierung hat sich derweil bereits im März das sehr ambitionierte Ziel gesetzt, innerhalb eines Jahres 100.000 Hektar an Kokasträuchern zu beseitigen. Deswegen rückt das Militär oft schon zum Sträucher ausreißen an, bevor mit den Bauern irgendwelche Vereinbarungen getroffen wurden.34

In Llorente jedoch gab es eine Vereinbarung zwischen den Bauern und der Regierung. Bereits im April wurde ein Abkommen unterzeichnet, das neben finanzieller Unterstützung auch Hilfe beim Kampf gegen bewaffnete Gruppen vorsah, die die Bauern bedrohten. Doch genau diesen bewaffneten Gruppen hatte die Regierung nichts entgegenzusetzen, sodass die Bauern nicht mit dem Ausreißen der Kokasträucher beginnen konnten. Schließlich erreichten am 28. September Soldaten und Anti-Drogen Einheiten der Polizei Llorente, um ohne Berücksichtigung des Abkommens mit der Vernichtung der Sträucher zu beginnen. Am 5. Oktober demonstrierten bis zu 1000 Bauern und Einwohner friedlich gegen das Vorgehen der Einsatzkräfte.

Sie hatten sich auf einer Kokaplantage in einem Kreis rings um die Einsatzkräfte versammelt. „Wir sagten ihnen: ‚Lasst uns verhandeln, lasst uns darüber reden‘“, berichtet eine Augenzeugin. „Und in diesem Moment begannen sie zu schießen“. „Wir hatten die Einsatzkräfte umringt, um sie daran zu hindern, unser Koka auszureißen. Dann begann die Anti-Drogen Einheit auf uns zu schießen“, sagt der Augenzeuge Wilson Baraona. Er und die anderen Demonstranten seien unbewaffnet gewesen, trotzdem sei einfach auf sie geschossen worden. „ Wir sind schließlich den Hügel runter geflohen, aber sie haben uns umzingelt und weiter auf uns geschossen.“5

Die Behörden indes wiesen zunächst alle Anschuldigungen zurück. Kurze Zeit nach dem Vorfall gab das kolumbianische Verteidigungsministerium bekannt, dissidente FARC-Kämpfer hätten mit explosivem Material und Waffen die Einsatzkräfte angegriffen, die das Feuer dann erwidert hätten. Die Guerilleros seien auch für die Organisation der Proteste verantwortlich. Durch Augenzeugenberichte und den Umstand, dass nur Zivilisten und kein einziger Polizist verletzt oder getötet wurden, kamen jedoch starke Zweifel an der offiziellen Version auf. Mittlerweile wurden vier Polizisten der Anti-Drogen Einheit suspendiert. Die Polizei gab bekannt, die Anti-Drogen Einheit habe gegen unbewaffnete Demonstranten „vermutlich ihre Waffen eingesetzt“. Derweil gestand die Regierung am Montag ein, dass die überwältigende Anzahl der Augenzeugen die Polizei verantwortlich machen und versprach, eine Untersuchung anzuordnen.67

Das Massaker in Llorente ist das Resultat von seit Monaten zunehmenden Spannungen zwischen Bauern, lokalen Gemeindemitgliedern und staatlichen Einsatzkräften. Die Regierung verfolgt stur ihr Ziel, 100.000 Hektar an Kokaanbauflächen zu vernichten und vernachlässigt so die im FARC-Friedensabkommen vereinbarten Programme, die den Bauern wirklich helfen könnten. Auf diese Weise kann trotz des Friedensabkommens kein dauerhafter Friede in Kolumbien einkehren.

  1. Colombia Reports: Southwest Colombia furious at security forces after ’15 killed‘ in massacre; Artikel vom 06.10.17 []
  2. InSight Crime: Confusion Surrounds Bloody Incident Linked to Colombia Coca Eradication; Artikel vom 06.10.17 []
  3. The Guardian: Colombia suspends police officers who fired into crowd, leaving six dead; Artikel vom 09.10.17 []
  4. Tagesspiegel: Ein Land kämpft mit der Droge; Artikel vom 28.05.17 []
  5. Colombia Reports: Southwest Colombia furious at security forces after ’15 killed‘ in massacre; Artikel vom 06.10.17 []
  6. Colombia Reports: Colombia suspends cops implicated in ‘anti-narco massacre’; Artikel vom 09.10.17 []
  7. The Guardian: Colombia suspends police officers who fired into crowd, leaving six dead; Artikel vom 09.10.17 []

Über David / earthlink

Ich bin David und habe dieses Jahr mein Abi gemacht. Als Bundesfreiwilliger möchte ich mich jetzt für die nächsten Monate bei earthlink engagieren und mehr über entwicklungspolitische Themen erfahren.

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