Eskalierender Drogenkrieg erreicht Mexikos Tourismushochburgen

Mexikanische Soldaten am Strand

Soldaten, die an einem Strand patroullieren - in Mexiko kein seltenes Bild. Bild: © churl [CC BY-NC-ND 2.0] - Flickr

In vielen mexikanischen Schulen gibt es mittlerweile Übungen, die die Schüler auf mögliche Schusswechsel vorbereiten sollen. In La Paz im Bundestaat Baja California Sur nehmen bereits Grundschulkinder daran teil. Man hört dann Maschinengewehrsalven vom Band und sieht Polizisten mit gezückten Waffen durch die Klassenräume laufen. Die Schüler müssen sich bäuchlings auf den Boden legen, es ertönt eine Durchsage, dass sie Ruhe bewahren sollen. In manchen Bundestaaten sind solche Übungen zwei Mal pro Jahr vorgeschrieben. Grund dafür ist der brutale Drogenkrieg, der Mexiko nicht zur Ruhe kommen lässt. Die Regierung geht offenbar davon aus, dass die durch ihn ausgelöste Gewalt jederzeit auch Schulen treffen kann.1

Im Jahr 2017 hat die Gewalt in Mexiko noch einmal zugenommen. Nach Angaben des Innenministeriums wurden bis Ende September 18.505 Menschen umgebracht, das entspricht 68 Morden am Tag, mehr als je zuvor. Nicht einmal auf dem Höhepunkt des Drogenkriegs zwischen 2006 und 2012 gab es im selben Zeitraum so viele Morde. Im Jahr 2011 wurde mit 22.630 Mordopfern ein trauriger Spitzenwert erreicht, doch wie sich jetzt schon abzeichnet, wird diese Zahl dieses Jahr übertroffen werden. 2017 wird wohl als das brutalste Jahr seit Beginn der Aufzeichnungen vor 20 Jahren in Mexikos Geschichte eingehen. Für die Gewalt verantwortlich sind die mexikanischen Drogenkartelle, die sich brutale Kämpfe um die Kontrolle und Vorherrschaft über bestimmte Territorien liefern und die Regierung sowie das Militär, die darauf mit dem „war on drugs“ reagieren. Besonders betroffen sind die Bundestaaten Guerrero, Michoacán und Tamaulipas sowie die Grenzstädte zu den USA, wie Tijuana und Ciudad Juárez.23

Aber eben nicht ausschließlich. Mittlerweile hält die Gewalt auch in Regionen Einzug, die bisher als weitestgehend sicher galten. Betroffen sind auch Gebiete, die zu den wichtigsten Tourismuszentren Mexikos zählen. Der Bundesstaat Baja California Sur ist eines der Lieblingsziele von US-Touristen. Hier liegen die exklusiven Urlaubsorte Cabo San Lucas und San José del Cabo, kurz Los Cabos. Der Bundesstaat blieb lange vom Drogenkrieg verschont, doch nun ist auch hier die Gewalt auf dem Vormarsch. Bis Ende September gab es 450 Morde, eine Steigerung um 350 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Bei den Kämpfen zwischen den Kartellen sterben nicht nur Kartellmitglieder, sondern auch unbeteiligte Zivilisten wie Kinder und Touristen.23

Auch das Haupturlaubsziel Mexikos in der Karibik, die Riviera Maya im Bundesstaat Quintanao Roo, macht mit Exekutionen, Schusswechseln in Einkaufszentren und Verfolgungsjagden in der Innenstadt auf sich aufmerksam. Dabei ist der Küstenabschnitt mitsamt der Stadt Cancún wegen der weißen Strände, der Partymeilen und der Maya-Ruinen besonders bei Urlaubern aus Europa und den USA beliebt. In einer aktualisierten Version seiner Reisewarnung für Mexiko äußerte sich das US-Außenministerium zuletzt besorgt über die Situation in Baja California Sur und Quintanao Roo. „Es kommt zu Schießereien, bei denen Unbeteiligte verletzt oder getötet werden“, heißt es in der Warnung.45

Auch der mexikanische Tourismusminister Enrique de la Madrid räumt ein: „Wir können es nicht abstreiten. Wir wissen, dass an einigen Orten die Unsicherheit zugenommen hat. Das bereitet uns Sorge“. Der Tourismus ist ein bedeutender Wirtschaftszweig in Mexiko, im vergangenen Jahr kamen 35 Millionen internationale Urlauber, die etwa 16 Milliarden Dollar in die Kassen spülten. Rund neun Millionen Menschen arbeiten in der Tourismusbranche.6

Für den Gewaltanstieg gibt es vielfältige Gründe. Die Nachfrage nach Kokain ist in den USA enorm gestiegen, außerdem hat das einst mächtigste Kartell Mexikos, das Sinaloa-Kartell, nach der Verhaftung und Auslieferung seines Bosses Joaquín „El Chapo“ Guzmán an die USA an Einfluss eingebüßt, weil dessen designierte Nachfolger sich als unfähig erwiesen hatte. Baja California Sur beispielsweise war früher fest in der Hand des Sinaloa-Kartells, jetzt bringt sich dort das Jualisca Nueva Generación-Kartell in Stellung. Dass der Bundesstaat so stark umkämpft ist, liegt vor allem an seiner strategischen Lage. Die Kartelle haben eine neue Transportroute für ihre Drogen für sich entdeckt und verschiffen ihre Ware über den Pazifik in die USA. Die Gegend um Los Cabos ist offenbar ein Hauptumschlagplatz geworden.13

Froylan Enciso vom Thinktank International Crisis Group sieht drei Hauptursachen für die Gewaltexplosion in Mexiko: Unüberlegte Sicherheitsstrategien, zersplitterte kriminelle Organisationen und zunehmend diversifizierte illegale Aktivitäten. Die Kartelle sind heute stärker fragmentiert als früher und der Kampf um die Territorien ist brutaler als je zuvor.

Der mexikanische Präsident Peña Nieto schweigt derweil und präsentiert auch keine Lösungen. Dort, wo die Gewalt besonders stark ist, werden zusätzliche Polizisten und Soldaten eingesetzt, aber es ist keine wirkliche Strategie erkennbar. Die Lokalreporterin Hermelinda Vargas meint, die Regierung bekämpfe die Kartelle und den Drogenhandel einfach nicht entschieden genug, beziehungsweise falsch.2 3

Bei seinem Amtsantritt 2012 versprach Peña Nieto den Mexikanern ein Ende des Drogenkriegs. Anfangs wurden die Morde weniger, doch seit mittlerweile drei Jahren steigt die Gewalt in Mexiko wieder an. Mehr als 100.000 Menschen mussten seit 2006 ihr Leben lassen, 30.000 Menschen werden noch immer vermisst. Die USA haben Mexiko mit viel Geld finanziell unterstützt, aber gebracht hat das alles am Ende so gut wie nichts. Die Situation scheint schlimmer als je zuvor zu sein.

Dabei gibt es in der mexikanischen Verbrechensbekämpfung einen Konsens darüber, wie das Land aus dem Teufelskreis aus Gewalt und Drogen ausbrechen kann: Eine gute Ausbildung für junge Menschen, damit diese nicht auf den falschen Weg geraten und sich vom schnellen Geld der Drogenbosse locken lassen. „Eine bessere Schulbildung und Erziehung für unsere Kinder sind elementar“, sagt Vargas. Außerdem läge es auch an den Familien, ihre Kinder am Verkauf von Drogen zu hindern.23

  1. Spiegel Online: 68 Ermordete, jeden Tag; Artikel vom 01.11.17 [] []
  2. Spiegel Online: 68 Ermordete, jeden Tag; Artikel vom 01.11.17 [] [] [] []
  3. Süddeutsche Zeitung: „Alles total außer Kontrolle“; Artikel vom 19.08.17 [] [] [] [] []
  4. Frankfurter Rundschau: Mexikos Paradies unter Beschuss; Artikel vom 06.07.17 []
  5. Hessische Niedersächsische Allgemeine: Drogenkrieg im Urlaubsparadies: Gewalt erreicht Mexikos Traumstände; Artikel vom 28.09.17 []
  6. Hessische Niedersächsische Allgemeine: Drogenkrieg im Urlaubsparadies: Gewalt erreicht Mexikos Traumstrände; Artikel vom 28.09.17 []

Über David / earthlink

Ich bin David und habe dieses Jahr mein Abi gemacht. Als Bundesfreiwilliger möchte ich mich jetzt für die nächsten Monate bei earthlink engagieren und mehr über entwicklungspolitische Themen erfahren.

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