Puerto Rico: Erfolg im Kampf gegen Gangkriminalität könnte gefährliches Machtvakuum hervorrufen

Puerto Rico Kokain

In San Juan beschlagnahmtes Kokain. | Bild: © Coast Guard News [CC BY-NC-ND 2.0] - Flickr

US-Behörden haben bekannt gegeben, dass Mitte Januar 104 Mitglieder einer kriminellen Gruppe aus Puerto Rico gefasst wurden und sich nun wegen Drogenhandels vor Gericht verantworten müssen. Die Beschuldigten gehören allesamt zu einer Gang namens „Menores“ und wurden in neun Prozesspunkten angeklagt, unter anderem wegen Drogenhandels und Mordes.1

Die Anklageschrift lässt darauf schließen, dass sich die Gang vor etwa acht Jahren in der kriminellen Szene Puerto Ricos etablierte, ausgehend von Bayamón, einer Gemeinde im Südwesten der puerto-ricanischen Hauptstadt San Juan. Damals konnten die Behörden auf der Insel eine ganze Reihe Mitglieder anderer krimineller Gruppen fassen. Dies ermöglichte den Aufstieg der „Menores“. Als die anderen Gangs von der Bildfläche verschwunden waren, übernahmen sie die Kontrolle über Bayamón und begannen damit, in der Gemeinde und im Umland Kokain, Crack, Heroin und Marihuana zu verkaufen.12

Um ihr Drogengeld zu waschen, benutzten die Mitglieder der Gang das US-Postsystem, indem sie sogenannte „US Postal Service money orders“ kauften. Money orders sind Zahlungsanweisungen, die in den USA weit verbreitet sind. Die Banken verpflichten sich, einen bestimmten Geldbetrag an den im Dokument ausgewiesenen Begünstigten auszuzahlen. Sie stellen keine Schecks im üblichen Sinne dar, werden in der Praxis aber als solche behandelt. Man kann sie in den USA an verschiedenen Orten erwerben, z.B. in Banken, in Supermärkten oder eben bei der Post.13

Der Schlag gegen die Gangkriminalität auf Puerto Rico folgt nur einige Monate, nachdem der puerto-ricanische Drogenbaron José David Figueroa Agosto, alias „Junior Cápsula“, zu einer 30-jährigen Haftstrafe in einem US-amerikanischen Gefängnis verurteilt wurde. „Junior Cápsula“ war der wohl mächtigste „kingpin“ auf Puerto Rico und in der Dominikanischen Republik. Er wurde bereits 2010 in San Juan verhaftet, aber erst letztes Jahr verurteilt. Er erwarb sein Kokain in Kolumbien und schmuggelte es über Puerto Rico und die Dominikanische Republik in die USA. Man nimmt an, dass seine Organisation bis zu 90 Prozent des Drogenhandels und -schmuggels auf den beiden Inselstaaten kontrolliert hat. Deshalb nannte man ihn auch den „Pablo Escobar der Karibik“.4567

Doch der Erfolg, der den puerto-ricanischen Behörden im Kampf gegen die organisierte Kriminalität gelungen ist, könnte auf dem Inselstaat auch ein gefährliches Machvakuum hinterlassen. Als „Junior Cápsula“ gefasst werden konnte und gleichzeitig die Geschäfte anderer Gangs zerschlagen wurden, eröffnete das den „Menores“ seinerzeit die Möglichkeit, an Macht zu gewinnen und aufzusteigen. Der Schlag gegen die „Menores“ könnte nun eine ähnliche Situation hervorrufen wie vor acht Jahren. Einige Gangs könnten versucht sein, das Machtvakuum zu füllen und ihre Einflussgebiete auszuweiten. Sollten zwischen den verschiedenen kriminellen Gruppen Kämpfe um die Vorherrschaft in bestimmten Gebieten ausbrechen, würde das einen starken Gewaltanstieg auf Puerto Rico bedeuten, der Auswirkungen auf die Zivilbevölkerung haben könnte.4

Das Machtvakuum, das die Verhaftung von „Junior Cápsula“ vor achte Jahren hinterließ, sollte den Behörden als Warnung dienen. Damals stieg die Gewalt deutlich an, die Mordrate erreichte 2011 ein Rekordhoch. Die Polizei und die Sicherheitskräfte sollten alles daran setzen, dass sich dies nicht wiederholt. Doch Puerto Rico hat noch immer mit den zerstörerischen Folgen von Hurrikan Maria zu kämpfen, der im September letzten Jahres über den Inselstaat hinwegfegte und ihn weitestgehend verwüstete. Die Gangs könnten diese Situation ausnutzen.18

Puerto Rico ist für die organisierte Kriminalität im Allgemeinen und speziell für Drogenkartelle ein wichtiger Transitstaat. Das liegt daran, dass sich der Schmuggel von Drogen und anderen illegalen Waren deutlich einfacher gestaltet, sobald sich diese auf dem Inselstaat befinden. Puerto Rico ist ein sogenannter Freistaat in der Karibik, dabei aber nicht unabhängig, sondern als US-Außengebiet Teil der USA. Waren, die zwischen der Insel und dem US-Festland hin und her verschoben werden, werden weniger restriktiv kontrolliert als Waren, die aus dem Ausland in die USA gelangen.49

Die Menge der Drogen, die durch die Karibik geschmuggelt werden, ist in letzter Zeit stark gestiegen. Sie hat sich allein in den fünf Jahren zwischen 2009 und 2014 verdreifacht. Der Umstand, dass auch letztes Jahr wieder teils riesige Mengen an Drogen in der Region, unter anderem auf Puerto Rico, beschlagnahmt wurden, weist darauf hin, dass sich dieser Trend auch in der Zukunft fortsetzen wird. Zurückzuführen ist das zum einen auf die boomende Kokainproduktion in Kolumbien, wo sich die Anbauflächen für Koka seit 2013 auf 188.000 Hektar verdoppelt haben, und zum anderen auf die stark wachsende Nachfrage nach Kokain in den USA, wo die Zahl der Konsumenten seit einigen Jahren rapide ansteigt.51011

  1. InSight Crime: Takedown of Puerto Rico Crime Group Could Spur Struggle to Fill Power Vacuum; Artikel vom 19.01.18 [] [] [] []
  2. United States Department of Justice: 104 Individuals Indicted For Drug Trafficking; veröffentlicht am 18.01.18 []
  3. Zahlungsverkehrsfragen: Money Orders; Stand 01.02.18 []
  4. InSight Crime: Takedown of Puerto Rico Crime Group Could Spur Struggle to Fill Power Vacuum; Artikel vom 19.01.18 [] [] []
  5. InSight Crime: Trafficking Routes Up for Grabs After Fall of Top Caribbean Drug Kingpin; Artikel vom 17.08.17 [] []
  6. BBC: Caribbean ‚drug lord‘ Jose Figueroa Agosto arrested; Artikel vom 18.07.10 []
  7. CNN: DEA agents nab alleged drug kingpin in Puerto Rico; Artikel vom 18.07.10 []
  8. Vox: 5 things to know about Puerto Rico 100 days after Hurricane Maria; Artikel vom 29.12.17 []
  9. Nachrichten aus Lateinamerika: Puerto Rico; Stand 01.02.18 (nicht mehr aufrufbar) []
  10. Tagesspiegel: Ein Land kämpft mit der Droge; Artikel vom 28.05.17 []
  11. Süddeutsche Zeitung: Kolumbien kämpft gegen den Schnee von morgen; Artikel vom 18.05.17 []

Über David / earthlink

Ich bin David und habe dieses Jahr mein Abi gemacht. Als Bundesfreiwilliger möchte ich mich jetzt für die nächsten Monate bei earthlink engagieren und mehr über entwicklungspolitische Themen erfahren.
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