Costa Rica: Steigende Korruption und Kriminalität folgen auf zunehmende Bedeutung als Drogentransitstaat

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Costa Rica ist vor allem wegen seiner langen Küstenabschnitte für Drogenkartelle als Transitstaat von Bedeutung. | Bild: © cisc1970 [CC BY-NC 2.0] - Flickr

Vor einigen Tagen haben costa-ricanische Behörden 22 verdächtigte Mitglieder einer kriminellen Gruppe verhaftet, die südamerikanischen Kartellen bei Drogenlieferungen auf dem Weg in die USA logistische Hilfe anbot. Das gab das Ministerium für öffentliche Sicherheit in einer Pressemitteilung bekannt. Die Gruppe, die vor allem im Süden Costa-Ricas aktiv war, nahm von ihren Klienten Kokain aus Kolumbien und Ecuador entgegen und lagerte es in mehreren sich auf der Halbinsel Osa befindenden Grundstücken zwischen. Anschließend wurde das weiße Pulver an verschiedene Abnehmer übergeben, die sich um den weiteren Transport in Richtung Norden kümmerten. Ihre Entlohnung erhielt die Gruppe dabei nicht durch Geldzahlungen, sondern in Form von Drogen, die sie wiederum in Costa Rica selbst verkaufte.12

Die Ermittlungen gegen die Gruppe waren bereits vor zwei Jahren aufgenommen worden. Knapp eine Million US-Dollar und mehr als acht Tonnen Kokain konnten so bei mehreren Sicherheitsoperationen beschlagnahmt werden, die in die Festnahmen am 23.Mai mündeten.2

Pikant ist an dem Erfolg im Kampf gegen den Drogenhandel vor allem, dass an der Spitze der Gruppe zwei ehemalige Beamte der costa-ricanischen Küstenwache stehen, wie aus der Pressemitteilung des Ministeriums für öffentliche Sicherheit hervorgeht. Zudem bemühte sich die Gruppe Behördenangaben zufolge darum, Gesetzeshüter zu rekrutieren, um an Insiderinformationen über Einsätze und Operationen von Sicherheitskräften zu gelangen. Das Nachrichtenportal CRHoy berichtete, dass sich unter den 22 Verhafteten auch drei aktive Mitarbeiter der Küstenwache sowie eine Polizistin befinden.32

Dabei war im als demokratischen Musterstaat geltenden Costa Rica Korruption allgemein und speziell im Bereich der Sicherheitskräfte in der Vergangenheit immer ein deutlich geringeres Problem als bei zentralamerikanischen Nachbarn wie Nicaragua, Honduras oder El Salvador. Auch 2017 noch landete das Land im jährlich von Transparency International herausgegebenen „Corruption Perceptions Index“ auf Rang 38 und stand somit im regionalen Vergleich ziemlich gut da. Doch die Zeiten könnten sich ändern. In einem ebenfalls 2017 von Transparency International veröffentlichten Bericht gaben 65 Prozent der befragten Costa-Ricaner an, dass das Korruptionsniveau in ihrem Land in den letzten zwölf Monaten gestiegen sei. Als im Februar und April die Präsidentschaftswahlen anstanden, aus denen der 38-jährige Carlos Alvarado Quesada als Sieger hervor ging, dominierten neben dem Streit um die Einführung der gleichgeschlechtlichen Ehe und der hohen Verschuldung des Landes vor allem auch Korruptionsaffären die öffentliche Debatte.4567

In letzter Zeit war es bei den Sicherheitskräften immer wieder zu Festnahmen wegen Korruptionsfällen gekommen. Im Juni letzten Jahres wurde der ehemalige Polizeichef José Fabio Pizarro zusammen mit drei anderen Männern verhaftet, weil er Berichten zufolge eine Lieferung von 237 Kilogramm Kokain beaufsichtigte. Außerdem wurden Ermittlungen gegen ihn eingeleitet, weil er eine Gruppe namens „Patrulla 1856“ gegründet haben soll, die mit mexikanischen Drogenkartellen in Verbindung stand. Ende 2016 wurden bei der Zerschlagung des Drogenrings „Los Cabezones“ 36 Verdächtige festgenommen, unter denen sich auch zehn costa-ricanische Polizisten befanden.89

Die Korruptionszunahme bei Strafverfolgungsbehörden hängt dabei eng mit der sich weiterentwickelnden Rolle Costa Ricas im internationalen Drogenhandel zusammen. Mexikanische und kolumbianische Kartelle nutzen den zentralamerikanischen Staat schon seit einiger Zeit verstärkt als Transitland für Kokain auf dem Weg in die USA und nach Europa. Costa Rica ist wegen seiner strategischen Lage, den langen und zumeist unbewachten Atlantik- und Pazifikküsten mit mehreren wichtigen Häfen und der geringen Zahl seiner Sicherheitskräfte (das Land hat seit 1949 kein eigenes Militär mehr) für Drogennetzwerke attraktiv. Die südliche Grenze zu Panama und die nördliche Grenze zu Nicaragua, beide ebenfalls wichtige Transitstaaten, sind vielerorts durchlässig und schlecht ausgebaut.10111213

Jorge Rojas, der Direktor der zum Obersten Justizgerichtshof gehörenden Behörde OIJ, beklagt unlängst die zunehmende Rolle seines Landes als „Treffpunkt“ für die kolumbianischen und mexikanischen Kartelle. Die Kolumbianer würden das Kokain nach Costa Rica schmuggeln und dort an die Mexikaner weiterverkaufen. Einheimische, die sich um die Logistik kümmern sollen, werden  von den Kartellen als Gehilfen angeheuert und praktisch als Subunternehmer beschäftigt. Die Vorgehensweise der kriminellen Gruppe um die beiden ehemaligen Beamten der Küstenwache passt dabei ins Schema. Die Gehilfen der Kartelle holen die Kokain-Lieferungen an strategisch günstigen Punkten im ganzen Land ab, insbesondere entlang der Pazifik-Küste und der Karibik-Küste, um sie anschließend zwischenzulagern und für einen Weiterversand tauglich zu machen. Die costa-ricanischen Behörden tun sich schwer damit, die Einfuhr der Droge zu stoppen.1214

La Nacíon berichtete letztes Jahr unter Berufung auf costa-ricanische und US-amerikanische Geheimdienstberichte, dass kein Strand des zentralamerikanischen Landes frei von Drogenhandel sei. Auch Sicherheitsminister Gustavo Mata Vega gab an, dass es in Costa Rica keinen Strand gebe, den Drogenhändler aus Kolumbien nicht für Kokainlieferungen nutzen würden. „Die Küste ist 1.200 Kilometer lang. Wir müssten an jedem Kilometer ein Boot stationieren, um den Drogenhandel zu unterbinden“, sagte Martín Arias, der Direktor der Küstenwache. Auch wenn immer wieder große Mengen an Kokain beschlagnahmt werden können, ist seine Behörde mit lediglich 300 Mitarbeitern chronisch unterbesetzt.1516

Costa Ricas Rolle als Drogentransitstaat schlägt sich aber vor allem in einer ansteigenden Kriminalitätsrate nieder. So registrierte das Land letztes Jahr mit 12,1 Morden pro 100.000 Einwohner die höchste Mordrate seiner Geschichte. Ein im regionalen Vergleich zwar eher geringer Wert, der allerdings trotzdem Anlass zur Sorge gibt. Ein im September letzten Jahres veröffentlichter Regierungsbericht macht vor allem die organisierte Drogenkriminalität dafür verantwortlich. 25 Prozent der im Land begangenen Morde würden mit dem Drogenhandel in Verbindung stehen. Auch Geoff Thale vom Washington Office on Latin America führt den Gewaltanstieg vor allem auf Kämpfe um Drogenschmuggelrouten zurück.171819

Generalstaatsanwalt Jorge Chavarría gab unlängst zu bedenken, dass ein Teil des Gewaltanstiegs in Costa Rica auch auf die Folgen der Vorgehensweise der kolumbianischen und mexikanischen Kartelle zurückzuführen sei. Denn die oben beschriebene Entlohnung der kriminellen Gruppe um die Küstenwachenbeamten  ist kein Einzelfall. Die Kartelle bezahlen costa-ricanische Gangs, die ihnen beim Kokainschmuggel helfen würden, in den meisten Fällen mit Drogen. Die erhöhte Verfügbarkeit von Rauschmitteln würde, so Chavarría, die Gangs dazu animieren, selbst in den Vertrieb einzusteigen. Es sei dann der bewaffnete Kampf um eine Monopolstellung bei der Versorgung lokaler Märkte, der zu Gewaltwellen führe. Tatsächlich lässt sich beobachten, dass der Drogenkonsum in der costa-ricanischen Bevölkerung zunimmt. Nach Angaben des Instituts für Alkoholismus und Drogenabhängigkeit in Costa Rica hat sich der Prozentsatz der Bürger, die angeben, vor kurzem Kokain konsumiert zu haben, im letzten Jahrzehnt fast versechsfacht.1914

Effektive Maßnahmen, um gegen die Rolle Costa Ricas als Drogentransitstaat vorzugehen, sollten eine der Prioritäten der vierjährigen Amtszeit von Alvarado Quesada sein. Doch der designierte Präsident blieb während des Wahlkampfs in Bezug auf seine Sicherheitspolitik eher vage. Parker Asmann kritisiert in einem Artikel für InSight Crime, dass bislang keine klare Strategie erkennbar sei, wie Costa Rica den Drogenschmuggel, die ansteigende Gewalt und vor allem die Drogenproblematik an der Wurzel bekämpfen wolle. So habe Alvarado zwar beispielsweise vorgeschlagen, die Sicherheitskräfte besser auszubilden und durch spezielle Bürgerprogramme im Rahmen einer Präventionskampagne für mehr Sicherheit zu sorgen. Doch konkrete Details sei er bisher schuldig geblieben. Man müsse nun abwarten, ob die neue Regierung in den nächsten Monaten Pläne für eine handfestere Sicherheitspolitik bekannt geben werde.20

  1. InSight Crime: Costa Rica Arrests Point to Security Forces‘ Growing Drug Trade Ties; Artikel vom 24.05.18 []
  2. The Costa Rica Star: Former Police Officers Headed Drug Trafficking Ring in Costa Rica; Artikel vom 23.05.18 [] [] []
  3. InSight Crime: Costa Rica Arrests Point to Security Forces‘ Growing Drug Trade Ties; Artikel vom 24.05.18 []
  4. InSight Crime: Are Crime Groups Increasingly Corrupting Costa Rica Police; Artikel vom 23.06.17 []
  5. Deutsche Welle: Liberaler gewinnt Wahl in Costa Rica; Artikel vom 02.04.18 []
  6. Transparency International: Corruption Perceptions Index 2017; veröffentlicht am 21.02.18 []
  7. Transparency International: People and Corruption; Latin America and the Caribbean; veröffentlicht am 09.10.17 []
  8. InSight Crime: Are Crime Groups Increasingly Corrupting Costa Rica Police; Artikel vom 23.06.17 []
  9. InSight Crime: Bust of Transnational Drug Ring Follows Honduras Kingpin’s Capture; Artikel vom 25.11.16 []
  10. Drogen Macht Welt Schmerz: Costa Rica; Stand 28.05.18 []
  11. United States Department of State: International Narcotics Control Strategy Report – Volume 1; veröffentlicht im März 2018 []
  12. The Costa Rica Star: Has Costa Rica Become a Hub for Drug Cartels; Artikel vom 27.11.17 [] []
  13. Wikipedia: Costa Rica; Stand 28.05.18 []
  14. Drogen Macht Welt Schmerz: Ein neuer Bericht enthüllt die transnationalen Stränge desDrogenhandels in Costa Rica; Artikel vom 17.11.17 [] []
  15. InSight Crime: Costa Rica Officials Warn of Growing Maritime Drug Trade Amid Cocaine Surge; Artikel vom 16.05.17 []
  16. Diálogo: Costa Rica Strikes International Narcotrafficking; Artikel vom 25.04.18 []
  17. InSight Crime: Costa Rica’s Next President Lacks Plan to Tackle Rising Insecurity; Artikel vom 02.04.18 []
  18. InSight Crime: InSight Crime’s 2017 Homicide Round-Up; Artikel vom 19.01.18 []
  19. Business Insider: Drug traffickers are pushing deadly violence to record levels in a tranquil corner of Latin America; Artikel vom 20.01.18 [] []
  20. InSight Crime: Costa Rica’s Next President Lacks Plan to Tackle Rising Insecurity; Artikel vom 02.04.18 []

Über David / earthlink

Ich bin David und habe dieses Jahr mein Abi gemacht. Als Bundesfreiwilliger möchte ich mich jetzt für die nächsten Monate bei earthlink engagieren und mehr über entwicklungspolitische Themen erfahren.
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