Kolumbien: Kriminelle Gruppe nutzt WM-Fieber zum Kokainschmuggel

Kolumbien Fußball Trikot WM

Das Heimtrikot der kolumbianischen Nationalmannschaft bei der WM in Russland. | Bild: © F Delventhal [CC BY 2.0] - Flickr

Bei der Fußball-WM in Russland kann Kolumbien gerade sportlich auf sich aufmerksam machen. Nachdem das Auftaktspiel gegen Japan mit 1:2 verloren wurde und das Weiterkommen ins Achtelfinale ernsthaft gefährdet schien, gewannen die „Cafeteros“ um James Rodríguez, Radamel Falcao und Juan Cuadrado mit 3:0 gegen Polen und haben nun gute Chancen doch noch in die nächste Runde einzuziehen, sollten sie ihr letztes Gruppenspiel gegen den Senegal gewinnen. In der Heimat derweil sorgte ein Drogenfund am Flughafen in Bogotá für Aufsehen. Eine kriminelle Gruppe wollte offenbar die weltweite WM-Euphorie nutzen, um unbemerkt Kokain nach Europa zu schmuggeln.12

Drogenfahnder stießen am Aeropuerto El Dorado auf ein Paket, dessen Inhalt zunächst nicht auf illegale Geschäfte zu schließen schien. Aufgegeben in Baranquilla, der viertgrößten Stadt des Landes, und adressiert an einen Empfänger im niederländischen Groningen, hatte es 14 Heimtrikots der kolumbianischen Nationalelf geladen. Das Problem allerdings: Die Shirts waren etwa 15 Prozent schwerer als von Hersteller Adidas angegeben. Also wurde das Paket zur Überprüfung ins Labor gebracht. Eine Analyse ergab, dass der vollsynthetische Trikotstoff mit einem flüssigen Kokain-Konzentrat getränkt worden war.3

Das Rauschgift sollte wohl nach der Ankunft des Pakets am Bestimmungsort mithilfe eines aufwändigen chemischen Verfahrens wieder aus den Textilien zurückgewonnen werden. Coronel Wilson Liza Ramirez, Leiter der Anti-Drogeneinheit am Flughafen, gab an, dass man insgesamt 70 Kilogramm Kokain auf diese Weise aus den Trikots hätte extrahieren können. Das weiße Pulver hätte in Europa einen Straßenverkaufswert von zwei bis drei Millionen Euro gehabt.3

Ramirez vermutet, dass die Schmuggler sich im derzeit herrschenden WM-Fieber besonders sicher vor einer Entdeckung gefühlt hätten. „Drogenhändler werden niemals nachlassen in ihren vielfältigen Versuchen, die Fahnder an der Nase herumzuführen. In diesem Fall wollten sie wohl die allgemeine Euphorie als Tarnung für ihre Zwecke nutzen.“ Auch InSight Crime schreibt, dass sportliche Großveranstaltungen wie die Fußball-WM oder die Olympischen Spiele für kriminelle Gruppen immer eine gute Möglichkeit seien, innerhalb des internationalen Warenstroms an Sportartikeln wie Trikots sowie dem Schwarm an Reisenden relativ unbemerkt Drogen zu schmuggeln.12

Zumal in Kolumbien gerade so viel Kokain hergestellt wird wie nie zuvor. Die USA gaben vor einigen Tagen bekannt, dass neuesten Erkenntnissen zufolge im Andenstaat letztes Jahr 921 Tonnen des Rauschgifts produziert wurden – ein neuer Rekordwert und rund 20 Prozent mehr als noch im Jahr zuvor. Zudem wurde dem Weißen Haus zufolge in Kolumbien 2017 auf einer Gesamtfläche von 209.000 Hektar Koka angebaut, ebenfalls ein neuer Spitzenwert.4

Und das trotz des 2016 mit der FARC geschlossenen Friedensvertrags, der auch zum Ziel hatte, die Kokainproduktion im südamerikanischen Land signifikant zu verringern. Die Guerilla, die sich mittlerweile zu einer politischen Partei gewandelt hat, war früher der mächtigste Akteur im kolumbianischen Kokainhandel und konnte sich durch den massenhaften Kokaanbau in den von ihr besetzten Gebieten jahrzehntelang finanzieren. Doch als die Guerilleros nach der Unterzeichnung des Friedensabkommens ihre Waffen niederlegten und die von ihnen kontrollierten Territorien verließen, entstand ein Machtvakuum. Kleinere Guerillas wie die ELN oder die EPL, sogenannte BACRIM, kriminelle Gruppen, die meist aus paramilitärischen Organisationen hervorgegangen sind, und FARC-Dissidenten, die den Frieden mit der Regierung ablehnen und ihre Waffen nicht abgegeben haben, kämpfen nun um die Vormachtstellung im Geschäft mit dem weißen Pulver.5

Für Kokabauern wurde zwar mit dem Friedensvertrag ein spezielles Substitutionsprogramm geschaffen, dass sie aus ihrer Abhängigkeit vom Anbau der Sträucher befreien und ihnen gleichzeitig ermöglichen sollte, auf legale Kulturen umzusteigen. Sie erhalten passendes Saatgut und finanzielle Unterstützung, der Staat kümmert sich vor allem in entlegenen Gebieten zusätzlich um den Aufbau von Infrastruktur. In der Praxis allerdings funktioniert das Programm vielerorts nicht so wie vorgesehen. Kolumbianischen Sicherheitskräften gelingt es oft nicht, kriminelle Gruppen zurückzudrängen, die in den ehemaligen FARC-Territorien die Kokainproduktion übernehmen wollen und die Bauern dazu zwingen, weiterhin Koka anzubauen. In der Folge ist in manchen Teilen des Landes die Gewalt stark angestiegen.67

Zudem ist ein großes Problem des Substitutionsprogramms der quälend langsame Ablauf des ganzen Prozesses. Der bürokratische Aufwand, um staatliche Hilfe zu erhalten, ist meistens enorm. Zusätzlich schreitet auch der Aufbau und Ausbau von Straßen vielerorts nur sehr schleppend voran.7

Darüber hinaus steht Kolumbien unter dem Druck der USA, so schnell wie möglich so viel Koka wie möglich zu beseitigen. Teilweise wird deshalb mit dem Zwangsausreißen von Sträuchern begonnen, obwohl mit den Bauern kein Abkommen im Rahmen des Substitutionsprogramms geschlossen wurde. Saatgut für legale Kulturen und finanzielle Hilfe gibt es dann nicht. Verstärkt durch die von kriminellen Gruppen verübten Morde und Gräueltaten, wachsen so die Spannungen zwischen der Regierung und den Sicherheitskräften auf der einen und den Kokabauern auf der anderen Seite.7

Zu den Gründen für die Zunahme der Kokainproduktion in Kolumbien gehört aber auch, dass vor dem Abschluss des Friedensvertrags die Aussicht auf Geld viele Bauern anspornte, neu oder vermehrt Koka anzubauen. Für die meisten von ihnen sind die Sträucher schlichtweg die einzige Möglichkeit, ihren Lebensunterhalt zu verdienen und ihre Familie zu ernähren.8

Außerdem ist auch die Zahl der Kokainkonsumenten in Europa und den USA in den letzten Jahren gestiegen. Gerade Länder wie Spanien, Frankreich, Großbritannien, Italien und Deutschland werden für kriminelle Gruppen aus Kolumbien als Absatzmarkt immer interessanter, weil einerseits die mexikanischen Drogenkartelle den Vertrieb in den USA kontrollieren und sich andererseits jenseits des Atlantiks höhere Gewinne erwirtschaften lassen.91011

Für Wilson Liza Ramirez jedenfalls war der jüngste Kokain-Fund am Flughafen von Bogotá keine bloße Routineangelegenheit, sondern vielmehr ein Affront gegen den Volkssport Fußball, gegen das kolumbianische Nationalteam und gegen seine Anhänger. „Für unsere Beamten, die selbst allesamt Fans sind, war es wirklich sehr traurig zu sehen, dass diese Trikots, die so viele Emotionen und Hoffnungen im Rahmen der Weltmeisterschaft wecken, mit Kokain besudelt waren.“3

  1. 11 Freunde: Giftgelb; Artikel vom 24.06.18 [] []
  2. InSight Crime: How Narcos Use World Cup Mania to Smuggle Cocaine; Artikel vom 22.06.18 [] []
  3. 11 Freunde: Giftgelb; Artikel vom 24.06.18 [] [] []
  4. InSight Crime: Columbia Coca Production Hits New Record High, US Figures Say; Artikel vom 26.06.18 []
  5. InSight Crime: Colombia’s Peace Agreement With the FARC Survives First Year; Artikel vom 24.11.17 []
  6. InSight Crime: Criminal Violence Threatens Colombia Drug Crop Substitution: Report; Artikel vom 22.02.18 []
  7. The Economist: Colombia’s two anti-coca strategies are at war with each other; Artikel vom 20.02.18 [] [] []
  8. Tagesspiegel: Ein Land kämpft mit der Droge; Artikel vom 28.05.17 []
  9. InSight Crime: European Cocaine Seizures Hint at New Possibilities for Colombia Traffickers; Artikel vom 19.01.18 []
  10. Süddeutsche Zeitung: Kolumbien kämpft gegen den Schnee von morgen; Artikel vom 18.05.17 []
  11. n-tv: Kokain ist in Europa auf dem Vormarsch; Artikel vom 07.06.18 []

Über David / earthlink

Ich bin David und habe dieses Jahr mein Abi gemacht. Als Bundesfreiwilliger möchte ich mich jetzt für die nächsten Monate bei earthlink engagieren und mehr über entwicklungspolitische Themen erfahren.
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