Zeit für eine neue Strategie – Brasilianischer Drogenkrieg ist verloren

Brasilianische Spezialeinheit

Die brasilianische Regierung geht mit Gewalt und Härte gegen den Drogenhandel vor | Bild: © André Gustavo Stumpf [CC BY 2.0] - flickr

Gestern konnten brasilianische Behörden 1,32 Tonnen Kokain an Bord eines Schiffes sicherstellen, das den Hafen von Santos in der Nähe von Sao Paulo ansteuerte. Es war bereits der zweite große Drogenfund innerhalb einer Woche, den die brasilianische Polizei verbuchen konnte. Insgesamt, so die Zollbehörden, wurden dieses Jahr bereits über 13.5 Tonnen Kokain beschlagnahmt und somit jetzt schon mehr als im ganzen Jahr 2017.1

Brasilien ist einer der wichtigsten Transitstaaten für Kokain. Seine Grenze zu Kolumbien, Peru, Bolivien und Paraguay ist durchlässig und dreimal so lange wie beispielsweise die Grenze zwischen Mexiko und den Vereinigten Staaten. Der Großteil des weißen Pulver, der durch Brasilien fließt, ist für europäische Märkte bestimmt, aber auch Brasilien selbst gewinnt zunehmend als Abnehmerland an Bedeutung.2 Gemäß dem UNODC war es schon 2012 der zweitgrößte Kokainverbraucher hinter den USA. Knapp 18 Prozent des weltweiten Kokainangebots wurden dort konsumiert. Der steigende Missbrauch derartiger Drogen hängt eng mit der Entstehung einer vergleichsweise wohlhabenden brasilianischen Mittelschicht zusammen, aber auch der stetige Durchfluss an illegalen Substanzen trägt dazu bei, dass immer mehr Menschen zu Drogen greifen.3

Kontrolliert wird der Drogenhandel von großen, gewalttätigen und gut organisierten Banden, die im gesamten Land operieren.4 Man geht davon aus, dass die kriminellen Organisationen die Gewinne aus dem Verkauf des Kokains vor Ort in den Transport des weißen Pulvers nach Europa fließen lassen. Die Tatsache, dass Brasilien über zahlreiche wichtige Umschlagplätze für Waren aller Art verfügt – inklusive des Hafens von Santos – macht das Land zu einem idealen Ausgangspunkt für illegale Substanzen, die für Märkte weltweit bestimmt sind. Gemäß The Guardian wurden 2015 nahezu 80 Prozent des Kokains, das Europa erreichte, über der Hafen von Santos abgewickelt.5

Seit Jahrzehnten begegnet die brasilianische Regierung dem Drogenhandel mit Härte, Gewalt und langen Gefängnisstrafen. Nun werden immer mehr Stimmen laut, die eine andere Heransgehensweise an das Problem fordern, denn der Drogenkrieg hat bis jetzt zu keinem positivem Ergebnis geführt – im Gegenteil: unzählige Tote, überfüllte Haftanstalten, mehr Drogenhandel und -konsum als je zuvor.6

Die kriegsähnlichen Zustände in Rocinha, dem größten Armutsviertel in Lateinamerika, stehen beispielhaft für die fehlgeleitete brasilianische Drogenpolitik. Tag für Tag liefern sich bewaffnete, kriminelle Gruppierungen dort heftige Kämpfe um die Kontrolle über den Drogenhandel. Aber auch die Polizei, unterstützt durch die brasilianische Armee, rückt immer wieder schwer bewaffnet ins Viertel vor, um die Rauschgifthändler zu vertreiben. Ständig sind Schüsse zu hören, die das tägliche Leben zum Stillstand bringen. Schulen und Geschäfte müssen permanent geschlossen werden. Erst letztes Jahr wurde eine spanischer Tourist von einem Querschläger getroffen und starb.7

  1. The Local: Brazil seizes 1.3 tonnes of cocaine on Italian ship reportedly attacked by pirates; Artikel vom 14.8.2018 []
  2. U.S. Department of State – INCSR 2016: Brazil; Stand: 14.8.2018 []
  3. Quartz: Brazil now consumes 18% of the world´s cocaine; Artikel vom 24.9.2012 []
  4. U.S. Department of State – INCSR 2016: Brazil; Stand: 14.8.2018 []
  5.  InSight Crime: Brazil Is Top Cocaine Transshipment Country for Europa, Africa, Asia; Artikel vom 24.6.2016 []
  6. The Guardian: Brazil must legalize drugs – its existing policy just destroys lives; Artikel vom 15.11.2017 []
  7. The Guardian: Brazil must legalize drugs – its existing policy just destroys lives; Artikel vom 15.11.2017 []

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