Brasiliens Drogenkampf – Ein Blick nach Rio und São Paulo

Bild: © alexandre_vieira (CC BY 2.0) -

Die aufstrebende Wirtschaftsmacht Brasilien bereitet sich auf die anstehenden Großereignisse vor: Zuerst die Fußball-Weltmeisterschaft im Jahr 2014, dann die olympischen Spiele 2016. In den beiden größten Städten Rio de Janeiro und São Paulo bemüht sich die brasilianische Regierung derweil die ausufernden Drogenkonflikte und sozialen Missstände zu beseitigen. Bereits in den vergangenen beiden Jahren ging die Polizei massiv gegen Rauschgifthändler und Drogenbanden in den Favelas (Elendsvierteln) von Rio de Janeiro vor.1 Seit den 1980er/90er Jahre sind die Drogenbanden Rios in den internationalen Drogenhandel involviert. Der Staat hatte die Favelas lange Zeit sich selbst überlassen.2 Die Drogenbosse nutzten diesen Freiraum zur Etablierung ihrer Machtstellung und im Zuge dessen auch zur Installation von infrastrukturellen Einrichtungen unter ihrer Kontrolle.

Seit Ende 2008 versucht die Politik in Rio mit der Einsetzung von sogenannten Friedenspolizisten (Unidades de Polícia Pacificadores – UPP) gegen Gewalt und Kriminalität in den Favelas vorzugehen.3 Bevor die UPPs ihren Einsatz beginnen können, werden die entsprechenden Favelas von einer Eliteeinheit der Militärpolizei unter Aufbietung von schwerem Geschütz gewaltsam gestürmt. Bislang wurden 25 Einheiten der UPP in den Elendsvierteln installiert, die Mordrate in Rio de Janeiro soll seitdem rückläufig sein. Doch auch an den UPPs gibt es Kritik: Diese seien vor allem in jenen Elendsvierteln unterwegs, die unweit von Sportstätten und Sehenswürdigkeiten liegen.4 Die Drogenbanden würden lediglich in andere Regionen der Stadt verdrängt.

Auch aus São Paulo wurde Anfang des Jahres vermeldet, die Polizei gehe auf brutale Weise gegen die Bewohner des Drogenviertels „Cracolãndia“ im Zentrum der Stadt vor.5 Wie bekannt ist, bemüht sich der Bürgermeister in diesem Gebiet um ein milliardenschweres Bauvorhaben, dass eine Verschönerung des Stadtbildes vor der anstehenden Fußball-Weltmeisterschaft bewirken und zudem durch den Verkauf moderner Wohnungen zahlungskräftigere Bewohner anlocken soll. Auch in São Paulo gehören gewaltsame Auseinandersetzungen zwischen Polizei und kriminellen Organisationen wie dem „Ersten Kommando der Hauptstadt“ (Primeiro Comando da Capital) zur Tagesordnung. Im Mai 2006 war es auf Grund von Verlegungen führender Bandenmitglieder in ein Hochsicherheitsgefängnis zu einer Serie von Gefängnisrevolten, Attentaten und Banküberfällen gekommen.6 Die Polizei reagierte ihrerseits mit immenser Gegengewalt. Insgesamt waren in wenigen Tagen weit über 100 Menschen ums Leben gekommen.

Trotz gewaltsamer Maßnahmen der staatlichen Sicherheitskräfte gegen die Drogenbanden hat sich deren Einfluss in vielen Städten Brasiliens bislang kaum verringert. Durch den wirtschaftlichen Boom, die Größe des Landes mit vielen unbewohnten Regionen und die unmittelbare Meeresverbindung nach Afrika hat Brasilien in den vergangenen Jahren für lateinamerikanische Drogenbanden an Attraktivität zugelegt.7 Trotz einer Verringerung der extremen Armut ist die soziale Ungleichheit in Brasilien nach wie vor sehr groß. Amnesty International kritisiert, dass vor allem die Bewohner der Elendsviertel „Gewalt krimineller Banden und Willkürmaßnahmen der Polizei ausgesetzt“ seien.8

  1. Süddeutsche: „Rio de Janeiro: Polizei gegen Drogenkartelle “Das ist Krieg““, zuletzt abgerufen am 30.08.2012 und The Guardian: „Life and death in Rio’s drug wars“, zuletzt abgerufen am 30.08.2012 []
  2. Lateinamerika Nachrichten: „Kommandos, Freunde und Drogenhandel“, zuletzt abgerufen am 30.08.2012. []
  3. Handelsblatt: „Rios Kampf gegen Drogenkartelle und Armut“, S. 1, zuletzt abgerufen am 30.08.2012. []
  4. Handelsblatt: „Rios Kampf gegen Drogenkartelle und Armut“, S. 2, zuletzt abgerufen am 30.08.2012. []
  5. evangelisch.de: „São Paulo macht Jagd auf Süchtige“; nicht mehr verfügbar []
  6. Lateinamerika Nachrichten: „São Paulo im Teufelskreis der Rache“; nicht mehr verfügbar []
  7. Blogeintrag vom 10. Januar 2012: „Brasiliens Wirtschaft boomt, wird zu neuem Umschlagsplatz für Drogen“, zuletzt abgerufen am 30.08.2012. []
  8. Amnesty International: „Amnesty Report 2012 – Brasilien“, zuletzt abgerufen am 30.08.2012. []

Über Andreas / EarthLink

Praktikant bei EarthLink, studiert Geschichte mit Schwerpunkt Lateinamerika an der Universität Münster.
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1 Antwort zu Brasiliens Drogenkampf – Ein Blick nach Rio und São Paulo

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