Hugo Chávez: Ein Garant für barrierefreien Kokainhandel

„Chávez geht nicht!“ sangen am 8. Oktober zahlreiche euphorisierte Anhänger des alten und neuen Präsidenten. Mit einer Mehrheit von 54% wurde der seit 1998 regierende Hugo Chávez wiedergewählt und darf damit seine bereits vierte Amtszeit antreten. 1

Doch nicht nur seine Fans hatten allen Grund zur Freude – auch einige Akteure des Drogenhandels dürften erleichtert registriert haben, dass die politische Situation in Venezuela unverändert bleibt.

Obgleich das Land selbst keine Rolle bei der Drogenproduktion spielt, so ist es dennoch von großer Bedeutung für den internationalen Handel von Rauschgift, nicht zuletzt aufgrund seiner gemeinsamen Grenze mit Kokain-Krösus Kolumbien. So schätzten Experten, dass bereits 2007 17% des weltweit gehandelten Kokains ihren Weg durch Venezuela fanden – 4 Jahre zuvor hatte der Wert noch bei einem Viertel dessen gelegen. 2 Insgesamt ging man von einer Menge von etwa 250 Tonnen Kokain aus. Mittlerweile liegt Venezuela auf dem achten Rang bei der Menge an 2010 beschlagnahmten Kokain 3, obwohl es auch beim Konsum eine eher marginale Rolle einnimmt. Daher verwundert folgende Aussage nicht: „Venezuela ist im Moment ein Magnet für Drogenhandel. Das ist ein großes Problem. Venezuela ist ein Bermuda-Dreieck für Drogen.“ 4  Viele sehen in Venezuela die wichtigste Transit-Region für Kokainhandel in die USA und nach Europa.

Öffentlich gibt sich Chávez freilich als entschiedener Gegner des Kokainhandels. So vereinbarte er 2011 eine engere Zusammenarbeit im Kampf gegen Drogen mit Nachbar Kolumbien, sandte Soldaten an die Landesgrenzen und regte an, Flugzeuge, die unter dem Verdacht des Drogentransports stehen, bei Verweigerung einer Landung abzuschießen.

Längst hat sich jedoch abgezeichnet, dass unter Chávez’ Regentschaft der Drogenhandel prächtig prosperiert. Hauptgrund hierfür ist die florierende Korruption – beim jährlich von Transparency International veröffentlichten Corruption Perception Index erreichte Venezuela 2011 einen ausbaufähigen 172. Platz (bei 182 untersuchten Ländern) mit dem bescheidenen Wert von 1,9 (bei einer Skala von 1 bis 10). Acht Jahre zuvor hatte Venezuela immerhin einen Wert von 2,5 erzielt. 5

Konkrete Vorwürfe formuliert der festgenommene Drogenboss Walid Makled-García, der als einer der gefährlichsten und produktivsten Rauschgifthändler galt. US-Behörden sahen in ihm ein „Ziel von höchster Priorität“ und bezeichneten ihn als „König unter Königen“. 6

Ihm zufolge besaß er Verbindungen zu Personen aus dem innersten Kreis von Präsident Chávez. So gibt er an, dass täglich fünf bis sechs mit Kokain beladene Flugzeuge von Venezuela nach Honduras flogen – selbstverständlich mit „hundertprozentigem Mitwissen“ von venezolanischen Beamten. Ebenso führt er aus, dass er 2005 oder 2006 dem damaligen Marinekommandeur 5,5 Millionen US-Dollar habe zukommen lassen. Zusätzlich hätten hochrangige Militärs monatlich eine Million US-Dollar erhalten. Hierbei sei es gar nicht nötig gewesen, korrupte Funktionäre anzuwerben. Stattdessen meint Makled-García: „Es war eher so, dass sie mich anwarben.“ 7

In eine ähnliche Kerbe schlägt ein Mitarbeiter eines europäischen Geheimdienstes: „Hochrangige, kolumbische Dealer haben sich in Venezuela sicher gefühlt, weil sie in der Lage waren, sich Schutz von korrupten Elementen aus den obersten Ebenen von Regierung und Sicherheitskräften zu sichern“, meint er. Solche korrupten Elemente werden oft auch als „Cartel de los Soles“ (Kartelle der Sonne) bezeichnet.8

Ob Chávez in der Lage oder überhaupt gewillt ist, die Jahr für Jahr immer weiter wachsende Korruption einzudämmen, wird sich zeigen müssen. Von ebenso großer Bedeutung ist es, die anhaltenden Kriminalitätsprobleme seines Landes in den Griff zu bekommen.  Seit seinem Amtsantritt hat sich die Mordrate von damals 19 Tötungsdelikten pro 100.000 Einwohner vervierfacht, damit belegt Venezuela weltweit einen unrühmlichen 4. Platz.8 Auch ist es Chávez mittlerweile gelungen, die Anzahl an drogenbedingten Festnahmen in den ersten 7 Jahren seiner Regierungszeit um mehr als 90% sinken zu lassen.4

Für Chávez’ Unwillen, dem Drogenhandel konsequent Einhalt zu gebieten, spricht der Vorwurf der US-Regierung, Venezuela würde im Kampf gegen illegale Drogen „komplett versagen“. Damit landete das Land auf einer entsprechenden Schwarzen Liste, und das bereits das vierte Jahr in Folge. Fortschritte sind kaum zu erkennen. 9

Ein weiteres Problem stellen die unter Chávez notorisch eisigen Beziehungen zum Nachbarstaat Kolumbien dar. Dies ist verheerend, da eine besonders enge Kooperation zwischen den beiden Ländern eine viel effektivere Grenzüberwachung bewirken könnte. So klagt Rocio San Miguel, Vorsitzender der Organisation Citizen Control, dass es seit 2000 einen Umschwung in der Politik gegeben habe. Seitdem habe es keine bilaterale Zusammenarbeit mehr gegeben. Dabei, so fügt er an, wäre es unmöglich, die gesetzlose Grenzregion zu überwachen, wenn es keine Kooperation zwischen den beiden Ländern gäbe.4

So passt es ins Bild, dass Chávez die FARC bekanntermaßen seit Jahren „logistisch, politisch und territorial“ unterstützt. Angeblich hatte er der Guerillaorganisation, die ihr Geld mit Kokainhandel und Kidnapping verdient, sogar 300 Millionen US-Dollar in Aussicht gestellt. 10 Auch wird berichtet, dass die kolumbianische Polizei nach Dschungelrazzien wiederholt Beweise für die Verbindung zwischen dem Chávez-Regime und der FARC gefunden hat. Demzufolge wurde ihr mit Geld und Gerätschaften geholfen. 11

Ob Hugo Chávez – welcher übrigens angibt, gerne Koka-Blätter, aus denen Kokain hergestellt wird, zu kauen – seine neu gewonnene Amtszeit also dazu nutzt, um die Drogenproblematik in den Griff zu bekommen, ist fragwürdig.

Auch die Anwohner der Grenzregionen haben sich längst an die Verhältnisse angepasst. Obwohl viele Angst und Einschüchterung bekunden, haben sie gelernt, mit den Drogendealern zu koexistieren, ebenso, wie sie sich an den nächtlichen Flugzeuglärm gewöhnt haben. Ein Betroffener sagt dazu: „Wir wissen alle, was vor sich geht, aber keiner sagt etwas. Was können wir dagegen tun? Diejenigen, die etwas dagegen tun sollten, das ist die Regierung.“ 12

  1. Präsidentenwahl in Venezuela – Chávez triumphiert – Spiegel Online []
  2. El narcotráfico penetra en Venezuela – El País – Spanisch []
  3. Global seizures of cocaineUNODC – Englisch []
  4. Hugo Chavez’s Venezuela ’supplies half of Britain’s cocaine‘ – The Telegraph – Englisch [] [] []
  5. Corruption Perception Index – Wikipedia []
  6. Chávez the Cocaine Capo? – American.com – nicht mehr verfügbar []
  7. Jailed ‚kingpin‘ implicates Chavez government – FoxNews – Englisch []
  8. With Chavez Win, Venezuelan Gangs Could Expand – InsightCrime – Englisch [] []
  9. USA: Birma, Bolivien und Venezuela versagen bei Kampf gegen Drogen  – stern.de []
  10. Chávez und seine Geschäfte mit der Guerilla – Zeit Online []
  11. Venezuela’s Chavez to strike cocaine blow on America – Pravda Online – Englisch []
  12. Cocaine’s Flow Is Unchecked in Venezuela – The New York Times – Englisch []
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