„Courage für Tamaulipas“: Blogger riskiert sein Leben im Kampf gegen mexikanische Drogenkartelle

Bild: © n.v. -

„Ich kenne nichts auf der Welt, das eine solche Macht hat wie das Wort.“

Diese Worte sprach einst die amerikanische Dichterin Emily Dickinson.

Offenbar ist sie nicht die Einzige, die sich dessen bewusst ist. Denn auch in Mexiko, wo seit Jahren der Drogenkrieg tobt und zehntausende Menschen das Leben kostet, wird längst darum gekämpft, was geschrieben wird und was nicht.

Auf der einen Seite stehen die Drogenkartelle, welche mit aller Macht versuchen, Berichte über die Ereignisse des Krieges zu verhindern. Auf der anderen Seite stehen oftmals Blogger, geschützt unter dem Deckmantel der Anonymität, welche der Gewalt zum Trotz eine stetige Informationsquelle über die schrecklichen Vorkommnisse in Mexiko bilden.

Eines der bekannten Newsportale nutzt den allseits beschworenen Einfluss der Sozialen Medien. Per Facebook und Twitter berichtet seit über einem Jahr „Valor por Tamaulipas“ – übersetzt: Courage für Tamaulipas (ein nordöstlicher Bundesstaat Mexikos, welcher besonders vom Drogenkrieg betroffen ist) – über Aktivitäten der Drogenkartelle, die anderswo lieber totgeschwiegen werden: Überfälle, Entführungen, Schießereien, Morde. „Valor por Tamaulipas“ ist eine Art soziales Netz, gesponnen über den gesamten Bundesstaat, welches oft die einzige Chance für die Bevölkerung darstellt, zu wissen, wo Gefahr droht.1 Über 168.000 Menschen nutzen bereits das Facebook-Angebot, der Twitter-Account hat mehr als 26.000 Follower.

Erbarmungslos kämpfen zwei Kartelle in Tamaulipas – die „Los Zetas“ und das Golf-Kartell – um die Vormacht, besonders gerne lassen sie sich dabei nicht beobachten. Jede Nachricht ist nichts als eine Herausforderung an die Mächtigen im Lande – die Drogenbanden, welche es nicht gerne sehen, wenn über sie geschrieben wird. Für Journalisten gilt das schon lange. “Es herrscht ein Klima voller Misstrauen und Selbstzensur”, so lautet das deprimierende Fazit der Organisation „Reporter ohne Grenzen“.2 Auch der Betreiber des Blogs Borderline Beat meint, lediglich anonyme Blogger würden noch Informationen über die Machenschaften der Kartelle liefern. „Fernsehsender oder Zeitungen sind dazu nicht mehr in der Lage. Das Internet ist die letzte Bastion“, konstatiert er.3 Nun zeigt sich: Auch diese Bastion wollen die Kartelle langsam aber sicher einnehmen.

Anfang Februar fanden sich tausende Fahndungsaufrufe in Ciudad Victoria, Hauptstadt von Tamaulipas und seit langem in fester Hand der „Zetas“. Doch die Verbrecher waren auf der falschen Seite – nicht sie waren die Gesuchten, im Gegenteil: Sie hatten den Aufruf verfasst. Auf dem Pamphlet heißt es frei übersetzt: „600.000 Pesos (umgerechnet etwa 35.000€) für denjenigen, der uns den exakten Standort und die Identität des Administrators von ‘Valor por Tamaulipas‘ nennt, oder, in seinem Fall, die von seinen direkten Verwandten, seien es seine Eltern, seine Kinder oder seine Frau.“ Anschließend folgen einige Vulgärausdrücke und die Versicherung, dass das Geld auch tatsächlich ausgezahlt würde. Ganz unten auf dem Flyer prangt unmissverständlich, fett gedruckt und in roter Schrift, die zu wählende Telefonnummer.4

Wenn solch ein Aufruf von der Drogenmafia gestartet wird, dann ist es bitterer Ernst. Bereits die Vergangenheit zeigte, dass die Kartelle keine Skrupel haben, unliebsame Internet-Aktivisten aus dem Weg zu räumen. Alleine 2011 wurden innerhalb kurzer Zeit vier Blogger tot aufgefunden. Am 13. September waren die verstümmelten Leichen eines Mannes und einer Frau, öffentlich aufgehängt an einer Brücke, gefunden worden, neben ihnen wurde ein Plakat mit einer Warnung für weitere Blogger hinterlassen. Nur 12 Tage später entdeckte man die enthauptete Leiche von  Marisol Macias Castaneda, in Mexiko bekannt als „das Mädchen aus Laredo“, neben ihr lag eine Tastatur und ein Schreiben, in dem es hieß: „Ich bin hier wegen meiner und Eurer Berichte. Was mir passiert ist, habe ich meinen Aktionen zu verdanken.“ Zwei Monate später erwischte es einen 35-jährigen Blogger, bekannt als „der Geiger“, der ebenfalls enthauptet aufgefunden wurde. Auf einem Pappschild ließen die Kartelle mitteilen: „Hallo, ich bin ‚der Geiger‘. Das hier ist mir passiert, weil ich nicht kapiert habe, dass ich einige Dinge besser nicht in sozialen Netzwerken veröffentlichen sollte. Vergesst niemals, was mir passiert ist.“ Alle drei Schreiben waren mit einem Z signiert, ein untrügliches Bekenntnis der „Los Zetas“.5

All dies kann den Betreiber von „Valor por Tamaulipas“ nicht abschrecken. „Ich wollte eine zusätzliche Informationsquelle schaffen, damit die Menschen hier wissen, wo ihnen Gefahr droht“, erklärt er gegenüber dem SPIEGEL.  „Ich habe eine Verpflichtung den Menschen gegenüber, die mir vertrauen. Solange ich kann, mache ich genauso weiter wie diejenigen, die mich unterstützen und mir folgen. Solange die nicht aufgeben, gebe auch ich nicht auf.“6

  1. Drogenkrieg in Mexiko: Bloggen unter Lebensgefahr – Spiegel Online – aufgerufen am 28.02.2013 []
  2. Mexiko: Drogenbanden töten Blogger – ZDF Blog – Link nicht mehr abrufbar. Stand: 05.10.15 []
  3. Wer bloggt, dem droht der Tod – Spiegel Online – aufgerufen am 28.02.2013 []
  4. Criminal Group Offers 46K USD Reward for Location of ‚Valor Tamps‘ Administrator – Borderland Beat – Englisch – aufgerufen am 28.02.2013 []
  5. Blogger enthauptet aufgefunden – Süddeutsche.de – aufgerufen am 28.02.2013 []
  6. „Die Zeit wird zeigen, was mit mir passiert“ – Spiegel Online – aufgerufen am 28.02.2013 []
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1 Antwort zu „Courage für Tamaulipas“: Blogger riskiert sein Leben im Kampf gegen mexikanische Drogenkartelle

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