Sierra Leone: Wie der Drogenhandel den Konsum beeinflusst

Bild: © n.v. -

Gibralla ist 23 Jahre alt. Seit seinem elftem Lebensjahr konsumiert er Drogen, hauptsächlich Diamba (eine Art Marihuana), mittlerweile 15 Joints am Tag. Den ersten raucht er, wenn er aufsteht, fünf Uhr morgens. Er sagt: „Ich fühle mich dann gut.“ Einige Viertel weiter, immer noch in Freetown, der Hauptstadt Sierra Leones, findet sich Patrick. Er ist in ähnlichem Alter und auch er konsumiert Marihuana, zusätzlich jedoch u.a. noch Kokain, Heroin und Alkohol. Auf die Frage, wieso er das alles tue, meint er bloß: „Ich habe mir dieses Leben nicht ausgesucht. Manchmal hatte ich nicht einmal einen Platz zum Schlafen, ich hatte nichts. Ich fühle mich hoffnungslos [ohne die Drogen]“. 1 Viele leben wie Patrick auf der Straße, so auch Bakar (20), der Rauschgift konsumiert, seit er sieben Jahre alt ist. Präferiert wird Heroin, ansonsten Kokain, gerne aber auch Amphetamine oder verschreibungspflichtige Medikamente.

All dies ist keine Ausnahme. Sierra Leone ist ein armes Land, in den 90ern tobte hier ein unerbittlicher Bürgerkrieg, als 2002 endlich Frieden herrschte, kehrten viele Kämpfer drogenabhängig nach Freetown zurück.2

Der Hauptgrund ist jedoch ein anderer. Schon seit längerer Zeit zeigt sich, dass sich der Drogenmarkt wandelt. Einst war Nordamerika Hauptabnehmer für das in Südamerika produzierte Kokain, mittlerweile verschiebt sich die Nachfrage jedoch immer mehr nach Europa. In den letzten 15 Jahren halbierte sich so die Anzahl der kokainbedingten Festnahmen in Nordamerika, in Europa verdoppelte sich dieser Wert. Eine bedeutende Transitregion, um die Ware nach Europa zu schaffen, ist Westafrika, wo auch Sierra Leone liegt. 27% des in Europa konsumierten Kokains durchquerte Schätzungen zufolge diese Region – Tendenz steigend.3

Nun schlägt sich dies auch im Konsum nieder, Spillover-Effekt nennt sich das Ganze. Die Vereinten Nationen warnten bereits 2012, dass der erhöhte Handel von Drogen in den Küstenstaaten Westafrikas auch zu einem erhöhten Konsum führen würde, mit Kokain und Heroin als Hauptdroge. Andere Substanzen wären beispielsweise Benzodiazepine wie der Arzneistoff Diazepam, Chlorpromazin oder verschiedene Inhalate.4

Dr. Edward Nahim, Berater der hiesigen Drogenbehörde, sieht dies auch darin begründet, dass die dort agierenden Drogenbanden ihre Mitglieder nie mit Geld bezahlen, sondern gleich mit dem Rauschgift an sich.

All dies endet schließlich in einem Anstieg der Gewalt. „Sie nehmen mehr Drogen, als sie müssten, und tun dann Dinge, die sie sonst nie tun würden. Sie morden, sie vergewaltigen“, sagt Polizist Ibrahim Samura. Mittlerweile gibt es mehr als 250 kriminelle Banden in Sierra Leone, darunter finden sich klangvolle Namen wie „Gang Killers“oder „Blood Drain“. 70% der Jugendlichen sind arbeitslos. Gepaart mit der ohnehin vorherrschenden Armut und Hoffnungslosigkeit, versuchen viele dann, die Langeweile zu überwinden.1

Möglichkeiten, sich als Einzelner helfen zu lassen, gibt es kaum. Dr. Nahim ist der einzige zertifizierte Psychiater im Land. 80% seiner Fälle stehen in Verbindung mit dem Missbrauch von Suchtmitteln. Eine weitere Möglichkeit ist die „City of Rest“, ein Drogen-Rehabilitationscenter, das vom Pastor Morie Ngobeh geführt wird.

All dies bleibt jedoch nur Makulatur, solange nicht die Hauptursache bekämpft wird: Der stetig wachsende Drogenfluss durch Westafrika.

  1. Sierra Leone’s unemployed youth wallow in drugs – Africa Review – Englisch [] []
  2. Drug traffic fuels addiction in Sierra Leone – Al Jazeera – Englisch []
  3. Wichtiger Schritt im Kampf gegen Kokainhandel in Westafrika – Drogen Macht Welt Schmerz []
  4. World Drug Report 2012UNODC – PDF-Datei – Seite 17 – Englisch []
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