Mexikanische Narcocorridos: Heldenballaden auf Drogenbosse

Mariachi, tomada en Chicago, Illinois, Estados Unidos. | Bild: © n.v. -

“Dort kommt unsere Unterstützung, um Menschen zu köpfen. Der Macho geht stolz voran, die Bazooka in der Hand. Er hat schon Erfahrung. Granaten an der Brust, der Tod ständiger Begleiter“

Ich habe ihn kämpfen und auch foltern gesehen. Wie er Köpfe abschnitt, mit seinem Messer in der Hand. Sein aschgraues Antlitz erscheint nicht mehr menschlich, denn der Hass, der in seinen Adern fließt, dominiert ihn.“

Diese Zeilen gehören zu dem Song „Carteles Unidos“ (dt. Geeinte Kartelle) des mexikanischen Künstlers El R.M., könnten aber auf den ersten Blick natürlich auch aus der Feder irgendeines US-amerikanischen Pseudo-Gangsta-Rappers stammen – und haben doch im Kontext eines kaputten Landes, in dem in den letzten Jahren über 70.000 Menschen einem brutalen und unbarmherzigen Drogenkrieg zum Opfer fielen, mehr als nur einen komischen Beigeschmack. Das Lied setzt sich aus den typischen Inhaltsstoffen der so genannten Narcocorridos zusammen, die mittlerweile nur die markanteste Ausprägung einer ganzen Drogenkultur bilden: Gewalt, Schmuggel, Geld, Frauen und der für Mexiko typische „Machismo“, also eine Art falsch verstandener Männlichkeit.

Die Narcocorridos gehören nicht irgendeinem seltsamen Sub-Genre an. Im Gegenteil, sie erfreuen sich einer enormen Popularität, besonders im Norden des Landes wird diese Art der Musik in den meisten öffentlichen Verkehrsmitteln rauf- und runtergespielt, regelmäßig werden deren Interpreten bei den Latin-Grammy-Awards ausgezeichnet. Die Politik versuchte es zwar mehrmals mit Verboten – meist mit der Begründung der Anstiftung zu Verbrechen – scheiterte aber immer wieder und verhalf den Narcocorridos so öffentlichkeitswirksam zu einer Aura des verruchten – was vor allem bei Jugendlichen besonders gut anzukommen schien. Narcocorrido bedeutet so etwas Ähnliches wie  „Drogenballade“ und gehört eigentlich dem Genre der Volksmusik an. In den 80er Jahren entstanden, glorifizieren die Lieder vor allem die „Capos“ (dt. Paten) und deren Gier nach Macht und Geld, die die mexikanische Bevölkerung schon seit Jahrzehnten terrorisiert und das Land mittlerweile immer weiter an den wirtschaftlichen und sozialen Abgrund drängt. Der enorme Erfolg lässt also durchaus einen verstörenden Blick auf die Denkweise eines Großteils der mexikanischen Gesellschaft zu.1

Warum also ist dieses Genre überhaupt gesellschaftlich akzeptiert? Bei der hohen Arbeitslosigkeit und Korruption entwickelten vor allem junge, männliche Mexikaner ihre ganz eigene Art des „American Dream“ – nämlich die vom Tellerwäscher zum Drogenboss. Mitglieder der Kartelle erscheinen ihnen als ein alternatives, gesellschaftliches Vorbild und, sich ihnen anzuschließen, oft als einzige Chance auf Wohlstand, Macht und schöne Frauen. Die enorme Gewalt ist für sie nichts Neues, sie erleben sie schließlich selbst tagtäglich mit, in ihren Dörfern und Städten. Die Medien, die aufklären könnten, schweigen – aus Angst selbst Opfer der organisierten Kriminalität zu werden (klicken Sie hier für weitere Informationen). Die Texte der Narcocorridos hingegen sind die einzigen, die wenigstens ansatzweise diese Form der Realität beschreiben –  das kommt an und deshalb lassen sie sich als nützliches Propagandawerkzeug missbrauchen. „Ohne Gewalt haben die Corridos keinen Grund zu existieren“, lässt sich ein Produzent zitieren.

Sänger und Texter von Narcocorridos werden von den Kartellen zwar fürstlich entlohnt, ganz ungefährlich ist das aber nicht. Ganz im Gegenteil, die Interpreten, die oft die besten Kontakte zu dem Führungspersonal der Drogenmafia pflegen, werden oft selbst zu Zielen brutaler Attacken verfeindeter Kartelle. Zwischen 2006 und 2012 wurden 20 Künstler getötet. Der bis heute spektakulärste Fall ist wohl der Mord an Sergio Vega, der 2010 in seinem roten Cadillac in Los Mochis, Sinaloa, durch sieben Schüsse hingerichtet wurde. Sergio Vega war der bekannteste Narcocorrido-Sänger, und einer der populärsten Künstler in Mexiko überhaupt. Er weigerte sich in seinen letzten Monaten, die Verbrechen der Capos weiter zu verherrlichen, wollte nur noch über die Liebe singen – wahrscheinlich sein Todesurteil.2

  1. Criminologia: narcocorridos-mexikanische-drogenballaden – 24.9.2013 []
  2. Süddeutsche: musik-und-drogenmafia-sing-oder-stirb-hombre []

Über Fritz / earthlink

Ich bin 23 Jahre alt und studiere Politikwissenschaft und Soziologie an der Ludwig-Maximilians-Universität in München. Zwecks Berufsorientierung absolviere ich gerade ein 6-wöchiges Praktikum bei Earthlink e.V.
Dieser Beitrag wurde unter Internationales abgelegt und mit , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.