Kokain anstatt Bananen – Ein Einblick in die Strukturen des europäischen Kokainimports

Kokain, Line, Drogen

Bild: © n.v. -

Übereinstimmenden Medienberichten zufolge wurden in mehreren Berliner und Brandenburger Aldi Nord Filialen 140 Kilogramm Kokain sichergestellt, die über den Hamburgerhafen in Bananenkisten an die Supermärkte geliefert wurden. Diese Menge stellt den größten Drogenfund in Berlin seit mehreren Jahren dar und hat auf dem europäischen Schwarzmarkt einen Wert von über 6.000.000 Euro.1

Wo und wann den Drogenschmugglern ein Fehler in der Lieferkette unterlaufen ist, bleibt nur spekulativ zu beantworten. Dieser Fund bietet jedoch genug Grund, eine Wasserstandsmeldung über den europäischen Kokainmarkt und die Vertriebspraktiken der involvierten kriminellen Organisationen zu verfassen. Wie das einfache Prinzip von Angebot und Nachfrage beschreibt, werden nur Güter vertrieben, für die jemand bereit ist, Geld zu zahlen. Diese simple marktwirtschaftliche Formel ist logischerweise auch auf kriminalisierte Märkte anwendbar. Wie steht es nun um den europäischen Kokainmarkt? Wie eine bereits 2012 veröffentlichte internationale Studie beweist, liegt der tägliche Kokainkonsum in Europa bei ungefähr 350 Kilogramm pro Tag. Die Forscher analysierten die Abwassersysteme 19 europäischer Großstädte auf Drogenreste, mithilfe derer auf den gesamteuropäischen Konsum geschlossen werden konnte. Deutliche Anstiege des Kokainkonsums sind an Wochenenden und Feiertagen zu verzeichnen, weil dort die Zahl derer, die über eine Party oder ein Festival an die Droge kommen, stark zunimmt. Dies konnte eine 2009 erschienene Schweizer Studie belegen, die während der Street Parade einen viermal so hohen Kokainkonsum nachweisen konnte als an normalen Wochentagen.23

Mithilfe dieser Zahlen lässt sich die Bedeutung des Bananenkoks Fundes in Berlin relativieren. Wenn der gesamteuropäische Konsum täglich mehr als doppelt so hoch ist, muss der europäische Markt in Dimensionen beliefert werden, die keine Zollbehörde der Welt abfangen kann ohne den gesamten Warenverkehr auf Eis zu legen. Dazu kommt die Tatsache, dass die 140 Kilogramm mehrere Tage vor Silvester eingeschifft wurden, was darauf schließen lässt, dass sie unter anderem dafür bestimmt waren, den stark ansteigenden Konsumwillen der Europäer am Neujahrfest zu befriedigen. Am größten Drogenfall der Schweizer Justizgeschichte lässt sich exemplarisch veranschaulichen, wie und in welchen Mengen Kokain von Kolumbien nach Europa geliefert wird. Die in der Schweizer Medienlandschaft genannte Kokain-Connection schmuggelte innerhalb von zwei Jahren hunderte Kilogramm Kokain, mit einem Reinheitsgrad von über 90%, in die Schweiz. Hinter dem Export/Import Geschäft steht das mächtige kolumbianische Drogenkartell Cartel de la Costa Atlántica. Ein Beteiligter geht davon aus, dass das Drogenkartell in den letzten zehn Jahren zwischen 3000 und 10.000 Kilogramm Kokain in die Schweiz geschleust hat. Der Fall hat aufgezeigt wie straff kriminelle Organisationen heutzutage organisiert sind. Jedes Bandenmitglied hatte eine eng umrissene Funktion: Administration, Logistik, Transport, Verteilzentrum, Kurierdienste, Detailhandel, Geldbotengänge, Bankverbindungen. Es wurde penibel darauf geachtet, dass die verschiedenen Abteilungen der Organisationsstruktur unabhängig voneinander agieren und so wenig wie möglich von der nächst-höheren Stufe der Rangordnung wissen. Dadurch hat die Polizei es deutlich schwerer, durch die Zusammenarbeit mit Überläufern, die gesamte Struktur der Organisation zu durchschauen. Wie im Fall des Hamburger Kokainfundes, wurden auch hier Bananenimporte als Tarnung für den Drogenschmuggel nach Europa genutzt. Ein Schweizer Geschäftsmann, der eng mit dem Kartell zusammengearbeitet hat, importierte über eine inaktive Firma eines Immobilientreuhändlers in Biel mehrere 19,2 Tonnen schwere Bananenlieferungen. Aus der kolumbianischen Hafenstadt Santa Marta wurden die Bananen nach Seebrügge verschifft, um von dort mit dem LKW ins Zollfreilager Embrach in der Schweiz zu gelangen. Nachdem Drogen und Bananen in der Schweiz getrennt worden waren, wurde das Kokain nach St. Gallen transportiert, um dort in Waschmittelboxen an verschiedene Orte in der Schweiz und Europa gebracht zu werden.4

Der Fall der Schweizer Kokain-Connection zeigt beispielhaft, dass das meiste Kokain heute über den internationalen Containerhandel nach Europa transportiert wird. Diese Entwicklung wurde auch im europäischen Drogenbericht 2013 thematisiert. Die nordeuropäischen Handelshäfen in den Niederlanden, Belgien oder Deutschland nehmen eine immer bedeutendere Rolle im internationalen Drogenschmuggel ein. Allein Hamburg hat im Jahr 2012 ungefähr 570.000 Container aus Südamerika importiert.5 So groß die Drogenfunde in Zukunft auch sein mögen, es erscheint in diesen Dimensionen einfach unmöglich, das Angebot signifikant zu verringern und die Problematik in den Griff zu bekommen. Ein Staatsanwalt schilderte die Situation gegenüber dem Beobachter wie folgt, „es ist, wie wenn man in eine Pfütze tritt und den Schuh schnell wieder herauszieht. Das Wasser zieht sich unverzüglich wieder zusammen.“6

Eine funktionierende Lösung der Drogenproblematik gelingt nicht über den War on Drugs. Das Drogenproblem kann ohne Zweifel nur durch einen ganzheitlichen Ansatz gelöst werden, der sowohl Angebot als auch Nachfrage berücksichtigt. Wie die letzten Jahrzehnte intensiv verdeutlicht haben, führt die aktuelle Drogenpolitik zu vermehrtem Leid in den Produktionsländern diverser Missbrauchssubstanzen. Anstelle den Kokastrauchfarmern die Felder zu verbrennen, wäre es sinnvoller, ihnen Zugang zu nachhaltigen Agrarprogrammen zu gewährleisten, die sie im Anbau alternativer landwirtschaftlicher Nutzpflanzen unterstützen. Wir berichteten über ein entsprechendes Pilotprojekt in Peru.7 Leider sind die Probleme in den betroffenen Produktionsländern auch, und diese Tatsache darf nicht vernachlässigt werden, Nachfrage induziert. Gerade bei Drogen wie Kokain, die ein weiteres Funktionieren in der Gesellschaft nicht unbedingt ausschließen, sind es die Konsumenten, die durch ihr Verhalten die Problematik weiter schüren. Um die Missbrauchsproblematik sinnvoll zu lösen, sollte es das Hauptziel der staatlichen Drogenpolitik sein, durch frühzeitige Prävention und Informationsbereitstellung, ein Bewusstsein dafür zu schaffen, was für Folgen der individuelle Konsum von Drogen, für einen selbst und für die Produzenten hat. Vornehmlich ist der Drogenmissbrauch ein soziales Problem, eine Lösung dafür anzubieten will und kann ich im Rahmen dieses Artikels nicht leisten.

  1. Spiegel Online: Berlin: Große Mengen Kokain in Aldi-Filialen gefunden []
  2. Europäer konsumieren 350 Kilo Kokain pro Tag []
  3. Kokain-Konsum: Schweizer Städte mit Spitzenposition []
  4. Deal ohne Grenzen Die Kokain-Connection []
  5. Containerumschlag des Hamburger Hafens im Seeverkehr mit Südamerika in den Jahren 2002 bis 2012 (in Millionen TEU) []
  6. Deal ohne Grenzen Die Kokain-Connection []
  7. Kakao statt Koka – alternative Anbauprojekte geben peruanischen Bauern Hoffnung auf eine gerechtere Zukunft []

Über timothy / earthlink

ich bin 21 Jahre alt und studiere Politikwissenschaft B.A. an der Universität Mannheim. Aufgrund meines großen entwicklungspolitischen Interesses habe ich mich dazu entschieden ein Praktikum bei Earthlink e.V. zu beginnen.
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