Myanmar (Burma): Steigende Armut lässt Schlafmohnanbau explodieren

Mohn Mohnfeld Opium Myanmar Burma | Bild: © kein Copyright - wikimedia

Der Norden Myanmars ist eine zerklüftete, von tiefen Schluchten durchzogene Gegend. Was sich Besucher*innen als Landschaft von atemberaubender Schönheit präsentiert, stellt die heimische Bevölkerung vor Herausforderungen. Steile und unregelmäßige Hanglagen, karge Böden und Wassermangel machen die Kultivierung der meisten Getreidearten und Feldfrüchte so unrentabel, dass die Erträge kaum zum Überleben reichen.

Eine Alternative bietet der Anbau von Schlafmohn, dessen getrockneter Milchsaft – das Rohopium – den Grundstoff von Heroin und anderen Opioiden bildet. Die Pflanzen sind genügsam. Sie benötigen wenig Wasser und Nährstoffe, gedeihen unabhängig von Wetter und Bodenbeschaffenheit.1 Noch dazu stimmt der Preis: Ein Kilogramm Opium bringt etwa 500 US-Dollar ein. Laut einer kürzlich veröffentlichten Studie des Büros der Vereinten Nationen für Drogen- und Verbrechensbekämpfung (UNODC) hat sich die Anbaufläche von Schlafmohn innerhalb des Jahres 2012 um 13% vergrößert.2  Im Vergleich zu 2006 hat sie sich sogar verdoppelt, auf eine Fläche von etwa 57.000 Hektar.3 Aufgrund jener Vergrößerung der Anbauflächen und einer gleichzeitigen Ertragssteigerung hat sich die Menge produzierten Opiums im Jahr 2013 um ganze 26% gegenüber dem Vorjahr erhöht – auf 870 Tonnen im Wert von insgesamt 433 Millionen US-Dollar.4

Die Gründe für die Verbreitung der Opiumproduktion sind indes nicht allein in den geografischen Gegebenheiten zu suchen: Die UNODC-Studie zeigt, dass die Spezialisierung auf Schlafmohnanbau mit struktureller Armut einhergeht. Aus den von ihr ermittelten Zahlen geht hervor, dass die Abhängigkeit untersuchter Haushalte von der Opiumproduktion in den letzten Jahren gestiegen ist. Schlafmohn wird vor allem in infrastrukturell weniger erschlossenen Gebieten kultiviert. Sein Anbau scheint in erster Linie der Einkommenssicherung zu dienen, sobald die selbst erzeugten Nahrungsmittel zur Neige gehen oder deren Produktion schlicht nicht zur Lebenserhaltung ausreicht.5

U J Yaw Wu, Landesvertreter des Nordstaates Kachin, macht die Realisierung von Staudammprojekten, unter anderem des Myitsone-Megadamms, und die dadurch bedingten ökologischen und sozialen Verschiebungen für den Produktionsanstieg verantwortlich. Vor allem im Nordwesten Kachins haben einheimische Bauern in den letzten Jahren ihr Land an chinesische und mit diesen kooperierende einheimische Unternehmen verloren. Sie sind gezwungen, aus den von ihnen ausreichend erschlossenen Tieflagen in die Wälder der Berge zu ziehen, wo ihnen der Anbau des Schlafmohns als einzige existenzsichernde Alternative bleibt. Für das Myitsone-Projekt zum Beispiel wurden bereits zehntausende Menschen umgesiedelt, bis es im Jahr 2011 in Folge anhaltender Proteste auf Eis gelegt wurde – Wiederaufnahme vorbehalten. Die Staudammprojekte würden in erster Linie dem Stromexport nach Südchina dienen und U J Yaw Wu sieht diese Entwicklungen vor allem dem Fortbestehen alter, zu Zeiten der Militärjunta entstandener Seilschaften geschuldet.6

Betroffen sind überwiegend Mitglieder der Lisu, eine der ethnischen Minderheiten Myanmars. Die Umsiedelungen lassen ihre traditionellen Lebens- und Arbeitsweisen sowie die sozialen Bindungen erodieren. Neben der zunehmenden Umorientierung von ihrer traditionellen Existenzgrundlage, dem Anbau von Reis und Früchten oder dem Graben nach Gold und Mineralien hin zur Opiumproduktion, steigt der Drogenkonsum unter den indigenen Jugendlichen. Auch dieser Trend wird seitens des UNODC bestätigt.6 Zusammen mit der weltweiten Nachfrage begünstigt der zunehmende regionale Bedarf den Ausbau der Opiumproduktion.5

Myanmar ist nach Afghanistan der weltweit zweitgrößte Produzent von Opium und Teil des sogenannten „goldenen Dreiecks“.1 Seit 2010 befindet sich das Land in einem Demokratisierungsprozess, im Zuge dessen der Staat nach rund 22 Jahren Militärdiktatur ökonomisch und politisch geöffnet werden soll. Während Ballungsräume wie Mandalay und Yangon seit Lockerung der Handelsembargos wirtschaftlich erblühen, leiden vor allem ländliche Regionen unter rücksichtslosem Raubbau in- und ausländischer Investoren.4  Insbesondere der Norden ist Schauplatz geopolitischer Rivalitäten zwischen Indien und China, die versuchen ihren massiven Energiebedarf durch rentable Kraftwerksprojekte im Ausland zu decken.7

  1. The Irrawaddy: Karenni farmers have few options besides Opium: Civil society groups – aufgerufen am 16.01.2014 [] []
  2. Bloomberg Businessweek: Myanmar’s Opium harvest rises  26 percent, as poor farmers see few options – nicht mehr verfügbar []
  3. Mizzima: Drug ‚cold war’ MP links opium crop rise to big construction projects –nicht mehr verfügbar []
  4. Bloomberg Businessweek: Myanmar’s Opium harvest rises  26 percent, as poor farmers see few options – nicht mehr verfügbar [] []
  5. UNODC: SEA opium survey  2013 – aufgerufen am 16.01.2014  [] []
  6. Mizzima: Drug ‚cold war’ MP links opium crop rise to big construction projects – nicht mehr verfügbar [] []
  7. Aljazeera: Thousands displaced by Myanmar dam – aufgerufen am 16.01.2014 []

Über konstantin / earthlink

Ich bin 23 Jahre alt und studiere Politikwissenschaft und Soziologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Derzeit absolviere ich zur Berufsorientierung und aus fachlichem Interesse ein zweimonatiges Praktikum bei Earthlink.
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