Ägypten: Opiumboom im südlichen Sinai

Während sich Medien und internationale Staatengemeinschaft auf die Ereignisse in Kairo und die Aktivitäten islamistischer Gruppen im nördlichen Sinai konzentrieren, boomt im Süden der Halbinsel weitgehend unbemerkt der Anbau von Schlafmohn.

Laut eines Mitarbeiters der Community Foundation for South Sinai hat sich die Opium- und Marihuanaproduktion in der Region seit 2010 verdoppelt und beschäftigt etwa 45 Prozent der Beduinen.1

Dabei ist die Arbeit auf den illegalen Feldern bei Weitem kein Traumjob, sondern vielmehr Ausdruck von Alternativlosigkeit: In der ägyptischen Wirtschaft herrscht eine Art Apartheid. Denn die Beduinen im Sinai werden von Staat und privaten Investoren weitgehend ausgeschlossen. Arbeit bei Polizei und Armee gibt es für sie nicht, auch private und staatliche Entwicklungsprogramme lassen beduinische Gemeinschaften meist außen vor.1 Laut eines Berichts der Amerikanischen Universität in Kairo leiden 81 Prozent der Beduinen im südlichen Sinai unter Nahrungsmittelknappheit, ihre Kinder sind dreimal so stark von Unterernährung gefährdet wie der landesweite Durchschnitt.2

Lediglich in Randbereichen des Tourismussektors fanden die Beduinen Arbeit. Doch im Zuge der Aufstände im Jahr 2011 und der anhaltenden unruhigen politischen Situation ist der Tourismus eingebrochen und der Sektor hat sich seither nicht erholt. So bleibt in der kargen Grenzregion wenig mehr als Schmuggel von Gütern, Waffen oder Menschen und der Drogenanbau.1

Über den Opiumboom im südlichen Sinai ist in den Medien bisher kaum berichtet worden. Es gibt keine verlässlichen Daten darüber, ob und wie viel Rohopium ins Ausland exportiert wird und ob überhaupt etwas davon als Heroin auf den Weltmarkt gelangt. Im UNODC World Drug Report 2013 beispielsweise wird Ägypten als Produktionsland mit keiner Silbe erwähnt – es ist einfach nicht relevant genug.3

Vergessen werden dabei die Auswirkungen auf die Einheimischen: „Derjenige, der Gift anbaut, wird auch Gift essen“, besagt ein lokales Sprichwort. Sucht und Gewalt halten Einzug in die beduinischen Gemeinschaften. Der Konsum von Opium ist unter den Männern weit verbreitet, der Stoff ist billig und wirkungsvoll. Sie werden lethargisch, machen Schulden. Die Hauptlast tragen jedoch ihre Frauen, die nur selten finanziell unabhängig sind. Verlässliche Studien hierzu existieren bisher noch nicht. Neben Angriffen auf militärische Checkpoints mehren sich Fälle von Entführungen auf der Sinai-Halbinsel. Meist haben sie einen politischen Hintergrund, doch immer öfter sollen Gefangene freigepresst werden, die aufgrund von Drogendelikten in Haft gerieten.1

Im Jahr vor der Revolution waren von den Behörden knapp 216 Hektar Schlafmohnfelder zerstört worden.4 Ein Jahr später null, im Bericht des US Department of State ist keine Zahl aufgeführt.5 Doch ohnehin ist fraglich, ob man dem Opiumboom mit Militäreinsätzen beikommen kann. Die Wurzeln des Problems – gesellschaftliche Exklusion und Armut – lassen sich nicht einfach jäten und verbrennen.

  1. Vice: Growing opium is almost all the Bedouins in the Sinai have left – aufgerufen am 11.02.2014 [] [] [] []
  2. The American University in Cairo: Voices on Arav Philanthropy and Civic Engagement – nicht mehr verfügbar []
  3. UNODC: World Drug Report 2013 – aufgerufen am 11.02.2014 []
  4. US DoS: International Narcotics Control Strategy Report (März 2011) – aufgerufen am 11.02.2014 []
  5. US DoS: International Narcotics Control Strategy Report (März 2012) – aufgerufen am 11.02.2014 []

Über konstantin / earthlink

Ich bin 23 Jahre alt und studiere Politikwissenschaft und Soziologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Derzeit absolviere ich zur Berufsorientierung und aus fachlichem Interesse ein zweimonatiges Praktikum bei Earthlink.
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