Auf dem Weg durch Kirgisistan

Bild: © Thermokarst - WikimediaCommons

Über enge Gebirgspässe und weite Berglandschaften, danach durch steppenartige Ebenen: Durch den zentralasiatischen Gebirgsstaat Kirgisistan verläuft eine der wichtigsten Drogenrouten, der „Heroin-Highway Zentralasiens“.1

Die Lage direkt zwischen dem großen Schlafmohnproduzenten Afghanistan und dem großen Absatzmarkt Russland (1,7 Millionen Konsumenten von Opiaten zählte die UNODC 2011) ist die Grundvoraussetzung für den Drogenschmuggel durch Kirgisistan.2 Auch geographisch bieten sich optimale Bedingungen für einen funktionierenden Drogenhandel. Weite Teile des Landes sind sehr gebirgig und somit nur schwer flächendeckend zu kontrollieren.3 Doch neben den geographischen Faktoren sind es vor allem innenpolitische Probleme, die den Drogenhandel begünstigen.

Eigentlich galt Kirgisistan nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion als ein „Musterstaat“ in Zentralasien. Doch dann kam es vermehrt zu Unruhen. Innerhalb von wenigen Jahren wurde zwei Mal das Staatsoberhaupt durch einen Volksaufstand gestürzt.4 Die heutige Regierung steht vor der Herausforderung, die staatlichen Strukturen zu stärken, doch die Entwicklung des Landes wird durch verschiedene Faktoren gehemmt – und der Drogenhandel blüht. Einen dieser erschwerenden Faktoren stellen die gesellschaftlichen Spannungen in Kirgisistan dar. Zwar leben dort nur geschätzt 5,6 Millionen Menschen, doch die zahlenmäßig kleine Bevölkerung ist zusammengesetzt aus über 80 verschiedenen ethischen Gruppen. Das Verhältnis zwischen den verschiedenen Ethnien ist angespannt: So wurden während Unruhen im Jahr 2010 insgesamt über 30 000 Menschen innerhalb des Landes vertrieben.5 Zwar hat sich die Lage inzwischen beruhigt, doch auch heute kommt es immer wieder zu Auseinandersetzungen, die das Land spalten.6 Zudem ist Kirgisistan ökonomisch schwach und weitestgehend abhängig von seinen wichtigsten Handelspartnern China und Russland. Im Gegensatz zu anderen zentralasiatischen Regionen gibt es in dem Gebirgsland kaum relevante Rohstoffe für den Export. Innenpolitische Krisen und soziale Spannungen haben die Wirtschaft weiter geschwächt.7

Eine Strategie der Drogenkartelle ist es, einfache Bürger zu bestechen, die Drogen über die Grenzen zu schleusen. Dadurch wird der Drogentransport auf so viele Akteure ausgeweitet, dass einzelne Schläge der Drogenbehörden wenig Einfluss auf den Handel haben. Zwar laufen Bemühungen, Aufklärungsprogramme einzurichten und die Bürger vom illegalen Handel abzuhalten,8 doch an diesem Punkt kommt die Armut ins Spiel: Der Handel mit Drogen bleibt für viele Einwohner Kirgisistans die einzige Möglichkeit, ihr Überleben zu sichern. Fast ein Drittel aller Kirgisen leben unter der nationalen Armutsgrenze.7 Der Drogenschmuggel ist jedoch keinesfalls eine Möglichkeit für die arme Bevölkerung, ihren Lebensunterhalt nachhaltig zu sichern. Vielmehr begeben sich die Menschen in die Abhängigkeit von unkontrollierten und oftmals gewaltbereiten Drogenringen.9

Es sind mitunter die genannten Gründe, die es dem Staat behindern, seine Strukturen zu festigen – Mittel, um sich effektiv gegen den Drogenhandel zu wehren, sind daher gering. Der Staatsapparat ist unterfinanziert, es fällt schwer, Maßnahmen durchzusetzen. Auch die Infrastruktur im Land verfällt,10 eine Kontrolle der Drogenrouten durch die schwach ausgerüsteten Drogenbörden wird enorm erschwert. Darüber hinaus blüht die Korruption und garantiert dem organisierten Verbrechen in Kirgisistan bis heute eine gesicherte Position. Der Verdacht keimte schon lange, dass sich auch Regierungsfunktionäre und Polizisten am Drogenhandel bereichern. Als 2011 bei vier kirgisischen Sicherheitsbeauftragten mehr Heroin gefunden wurde, als im ganzen Jahr in Kirgisistan beschlagnahmt wurde, bestätigte sich diese Annahme.1

Dabei wäre eine Eindämmung des Drogenhandels wichtig, denn dieser bringt in Kirgisistan auch Nachteile für die Bevölkerung mit sich: So vergrößert sich durch den Handel der Anteil von Konsumenten und abhängiger Kirgisen. Der Direktor des Zentralasiatischen Zentrums für Drogenpolitik Dr. Alexander Zelichenko erklärt hierzu: „Ich weiß noch, dass wir in den 1990ern ein sehr interessantes Phänomen beobachtet haben: Kriminelle Banden haben umsonst Opium und Heroin verteilt. Dadurch konnten sie ihren Markt vergrößern.“ Er schätzt die Anzahl von Konsumenten auf über 100 000. Der Konsum steht im direkten Zusammenhang mit der HIV-Rate in Kirgisistan: Über 72 % der Infizierten spritzen sich Drogen, ein weitaus größerer Anteil als in anderen Ländern. Die Folgen des Drogenhandels betreffen jedoch nicht nur das Land selbst. Nach wie vor besteht die Verknüpfung zwischen dem Drogenhandel und terroristischen Strukturen in Zentralasien.2

Derzeit laufen in Kirgisistan Anti-Drogen-Programme des OSZE, der EU, der USA und Russland, doch die mangelnde Kooperationsbereitschaft (insbesondere der letzteren beiden) spielt den Drogenhändlern in die Hände.2 Die örtliche Drogenbehörde (GSKN) setzt bei Maßnahmen hauptsächlich auf die Beschlagnahmung von Drogen. In einem Statement erklärt sie: „Die GSKN konzentriert sich insbesondere darauf, […] die Drogenschmuggelrouten für Massentransporte von Afghanistan über Kirgisistan zu zerstören und die Vorräte von afghanischen Drogen größtenteils zu konfiszieren.“8

Doch es ist fragwürdig, ob der Drogenhandel durch die reine „Symptombehandlung“ der GSKN tatsächlich nachhaltig eingedämmt werden kann, denn wie bereits aufgeführt liegen die Gründe für den florierenden Drogenschmuggel tiefer in der Gesellschaft. Die schlechte Infrastruktur und die Korruption werden die Umsetzung von Drogenmaßnahmen weiterhin erschweren und die arme Bevölkerung wird auch in Zukunft zur Sicherung ihres Überlebens den Drogenschmugglern nachgeben. Die Bemühungen der kirgisischen Regierung und ausländischer Staaten und Organisationen sollte sich also darauf konzentrieren, in Kirgisistan sozialen Frieden herzustellen, für allgemeinen Wohlstand zu sorgen und die blühende Korruption zu bekämpfen. Kirgisistan könnte sich dadurch politisch und wirtschaftlich stabilisieren: Dem Drogenhandel würde der Nährboden entzogen.

  1.  Vice: Der Heroin-Highway Zentralasiens; erschienen am 29.10.2013; aufgerufen am 16.03.2014  [] []
  2. Vice: Der Heroin-Highway Zentralasiens; erschienen am 29.10.2013; aufgerufen am 16.03.2014  [] [] []
  3.  ISB: Der Drogenhandel in Zentralasien, aufgerufen am 16.03.2014  []
  4.  Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung: Kirgisistan: Situation und Zusammenarbeit – nicht mehr verfügbar []
  5.  SOS-Kinderdörfer: Kigisistan; aufgerufen am 16.03.2014  []
  6. GIZ: Förderung der Stabilität und Konflikttransformation in Süd-Kirgisistan; aufgerufen am 16.03.2014  []
  7. Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung: Kirgisistan: Situation und Zusammenarbeit – nicht mehr verfügbar [] []
  8. Centralasia Online: kyrgyzstan fights drug trade; erschienen am 12.03.2014; Seite nicht mehr aufrufbar [] []
  9. GIZ: Entwicklungsorientierte Drogenpolitik und alternative Bewegung – nicht mehr verfügbar []
  10. GIZ: Förderung der Stabilität und Konflikttransformation in Süd-Kirgisistan; aufgerufen am 16.03.2014  []

Über anila / earthlink

Im Sommer 2013 habe ich mein Abitur gemacht. Vor meinem Studium leiste ich meinen Bundesfreiwilligendienst bei EarthLink. :)
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