Roma-Mädchen in Serbien: Die Sucht und das gesellschaftliche Aus

(c) Kmiragaya|Dreamstime

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„Ich war 16, als ich das allererste Mal mit meiner Schwester mitging, um auf der Straße zu arbeiten. Der Mann, der uns das Heroin gab, fuhr uns ein paar Straßen weiter, ließ uns stehen und sagte, was wir dort zu tun hatten. Ich hatte furchtbare Angst. Aber ich konnte auch nicht wegrennen, weil ich nicht wusste wohin und ich brauchte dringend das Heroin…“

In Serbien leiden viele junge Sinti und Roma unter der Drogensucht – und die Tendenz ist steigend. Die breite Auswahl an Rauschmitteln reicht von Alkohol über Cannabis und Inhalationsmittel bis hin zu Heroin. Dabei scheint sich der Weg in die Drogensucht häufig schon im Kindesalter zu ebnen. Viele der Roma-Kinder wachsen in Armut auf und müssen bereits in jungen Jahren unter gefährlichen Bedingungen auf der Straße arbeiten. Dabei sind sie tagtäglich mit Drogen in Kontakt – sei es auf der Straße oder zuhause. Sie sind es gewohnt, nach einem harten Arbeitstag nach Hause zu kommen und die drogenabhängigen Eltern dort anzutreffen. Denen ist es oft nicht einmal bewusst, welchen Einfluss sie auf ihre Kinder haben und inwieweit ihr Verhalten diese in der Zukunft prägt. Wenn die Kinder erst einmal das Teenageralter erreichen, ist es oftmals zu spät – die Drogensucht hat sie schon längst gepackt. Damit geraten sie in einen Teufelskreis: Von nun an wird mit allen Mitteln versucht, die Drogensucht zu finanzieren.123

In Serbien mangelt es für die Roma-Bevölkerung an Bildungsmöglichkeiten. Die Zahlen beweisen das: Etwa 62 Prozent dieser Menschen haben keine schulische Grundausbildung erhalten, 80 Prozent der Roma sind Analphabeten. Die Eltern, besonders die Mütter, können die Entwicklung ihrer Kinder meist nicht ausreichend unterstützen – oft brauchen sie selbst Hilfe, die sie aber nicht erhalten. Dieser Mangel an Bildung geht Hand in Hand mit einem Fehlen der Drogenprävention und der sexuellen Aufklärung.1

Es sind vor allem Mädchen, die dem Drogenkonsum zum Opfer fallen. Während Jungen häufig durch Gruppenzwang zu den illegalen Substanzen greifen, verfallen die Mädchen aufgrund der streng marginalisierten Stellung der Frau innerhalb der Gesellschaft dem Drogenkonsum. Eine frühe Heirat und die klassischen Geschlechterrollen sind auch heute noch Traditionen in der Roma-Bevölkerung. Dementsprechend müssen die Frauen den Männern gegenüber eine untertänige sowie schwache Rolle einnehmen. Laut einer UNICEF-Studie aus dem Jahr 2011 hat die Hälfte aller 15- bis 19-jährigen Roma-Mädchen bereits eine Geburt hinter sich, vier Prozent haben schon vor dem 15. Lebensalter ein Kind geboren. Unverheiratete Mädchen arbeiten als Prostituierte auf der Straße und genau dort sind sie noch anfälliger für Drogen. Verlangt ein Freier von einem Mädchen Drogen zu nehmen, muss sie sich traditionell unterwürfig zeigen und gerät so in die Sucht. Den Mädchen ist dabei gar nicht bewusst, was sie tun und welche Folgen ihr Handeln hat. Keines von ihnen ist ausreichend über die Risiken des Konsums informiert.

Das Leben dieser Frauen ist meist durch Furcht und Angst geprägt. Durch die Drogenabhängigkeit fürchten sie den gesellschaftlichen Ausschluss und dazu den Verlust ihrer Kinder. Sie wissen, es kann jeden Moment so weit sein, dass Sozialarbeiter ihre Kinder abholen und in Heime stecken.

Ein weiterer Faktor begünstigt die Drogensucht der jungen Frauen. Die Mehrheit der Mädchen besitzt keine Geburtsurkunde und damit haben sie auch keinerlei Möglichkeit sich andere wichtige Papiere zu besorgen, wie Personalausweis oder eine Krankenversicherung – und hierbei liegt das Problem. Ein Roma-Mädchen ohne gültige Papiere, drogenabhängig, möglicherweise Mutter und gleichzeitig Prostituierte, bewegt sich nicht nur am Rande der Gesellschaft, nein sie ist vollkommen ausgeschlossen davon. Nicht nur die serbische, sondern auch die Roma-Bevölkerung schenkt diesen Frauen keinerlei Beachtung – stigmatisiert sie noch eher. Ist eine Frau erst einmal in diese gesellschaftliche Position abgerutscht, kann sie diesen Status so schnell nicht mehr abschütteln.

In der Tat wurden in den vergangenen Jahren einige Hilfsprogramme für drogensüchtige Roma in Serbien ins Leben gerufen, allerdings decken diese nicht die besonderen Bedürfnisse der Mädchen ab. Es ist unbedingt nötig, die Programme nach Geschlechtern auszulegen und dazu die Bildung in den Mittelpunkt zu stellen, denn Erfahrungen haben gezeigt, dass Bildung die wertvollsten Ergebnisse erzielt. Behörden sollten in diesem Bereich deshalb permanente Arbeit leisten – besonders für schwangere Frauen oder Frauen mit Kindern. Man muss die betroffenen jungen Mädchen vor der sozialen Unterdrückung bewahren, um den Ausschluss aus der Gesellschaft und damit den vollkommenen Absturz der Mädchen zu verhindern.1

  1. Drogriporter, 30.04.14: Roma Girls, Drug Users in Serbia – locked into a repeating cyrcle of risks – auferufen am 06.05.14 [] [] []
  2. SRAP-Project: Understanding drug addiction in Roma and Sinti communities – aufgerufen am 06.05.14 []
  3. UNICEF: Serbia – Adolescence – nicht mehr verfügbar []

Über Franziska / earthlink

Nach 9 wundervollen Monaten bei earthlink, beende ich nun meinen Bundesfreiwilligendienst und werde noch in ein paar weitere soziale Bereiche hineinschnuppern, bis ich Oktober 2014 hoffentlich zu studieren beginne ;-)
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