Argentiniens´ Drogensumpf – Papst Franziskus zeigt sich schockiert

Bild: © n.v. - Wikimedia

Im westlichen Stadtteil von Buenos Aires liegt das Nuevo Gasómetro, das Stadion des erfolgreichen Fußballclubs San Lorenzo, von dem selbst Papst Franziskus als großer Anhänger gilt. Während im Gasómetro argentinischer Zauberfußball präsentiert wird, herrscht direkt nebenan Tristesse und Perspektivlosigkeit. Keine 100 Meter vom Stadion entfernt, liegt einer der größter Slums Argentiniens: „Villa 1-11-14“. „Villa 1-11-14“ gilt als umkämpft. Peruanische und paraguayische Drogenkartelle kämpfen um Einfluss. Herrschaftsgebiete sind zwar weitgehend bekannt, aber nicht unumstritten. Ein beispielhafter Ort, Argentinien hat ein massives Drogenproblem.

Papst Franziskus, der die Lage nicht nur in Villa 1-11-14 genau kennt, schrieb kürzlich eine E-Mail an einen alten Freund in Buenos Aires: „Hoffentlich können wir die Mexikanisierung Argentiniens noch aufhalten“, und sorgte damit prompt für einen Eklat. Mexiko fühlte sich mit dieser Aussage diskriminiert. Die Aussage musste durch den Vatikan korrigiert werden. Franziskus wollte damit eine problematische Entwicklung in seinem Heimatland Argentinien thematisieren. In Mexiko tobt seit Jahren ein erbitterter Drogenkrieg zwischen verfeindeten Kartellen, Paramilitärs und korrupten Staatsbeamten. Opferzahlen bisher: 70.000. Davon ist Argentinien weit entfernt, aber jüngste Entwicklungen lassen aufhorchen.

Argentinien gilt heute als wichtiger Drogenumschlagplatz und Epizentrum der Kokainverarbeitung. Gemäß den Vereinten Nationen stieg Argentinien im letzten Jahr zum drittgrößten Kokain-Exporteur auf. Das meiste Kokain wandert dabei nach Europa. Beim Konsum der Droge nimmt die Republicá gar die traurige Spitzenposition in Lateinamerika ein.

Dennoch wächst in Argentinien kein einziger Koka-Strauch, der als Ausgangsstoff für die Kokainproduktion benötigt wird. Kokapaste wird aus Bolivien, Peru und Kolumbien nach Argentinien geschmuggelt. Dort sind chemische Substanzen zur Weiterverarbeitung relativ einfach erhältlich. Argentinien wartet mit einer hoch entwickelten Pharmaindustrie auf, die es potenziellen „cocinas“, so genannte Drogenlabore, relativ einfach macht, an chemische Substanzen zu gelangen.

Nach der Weiterverarbeitung zu Kokain muss die Ware wieder aus dem Land geschmuggelt werden. Von den Häfen am Rio de Plata gehen täglich riesige Drogenpäckchen an die afrikanische Atlantikküste. Westafrika gilt als Zwischenstation des Drogenschmuggelns auf dem Weg nach Asien oder Europa.

Warum ausgerechnet Argentinien? Die Republicá gilt in Südamerika als verhältnismäßig stabiles Land. Pro-Kopf Einkommen und Ungleichheitsverteilung bewegen sich über dem südamerikanischen Durchschnitt. Buenos Aires gilt als wichtiges Wirtschafts- und Handelszentrum eines ganzen Kontinents. Die argentinische Soziologin Laura Etcharren weiß: „In den 80ern war Argentinien sozusagen noch halb jungfräulich, es gab nur ein bisschen Konsum. Aber in den 90ern schauten sich die internationalen Narcos hier nach neuen Betätigungsfeldern um.“. Dann brach 2001 die Wirtschaft zusammen, Geschäfte wurden geplündert, die Banken zahlten kein Geld mehr aus. Seitdem hat das Land immer wieder mit Inflationen zu kämpfen. Etcharren verweist auf den „Zeriss des sozialen Gewebes seit 2001“ und betont damit den Nährboden der Drogenbanden.

Doch auch der Staat trägt in Argentinien seinen Teil dazu bei. Adriana Rossi, argentinische Soziologin und seit über 25 Jahren mit der Drogenforschung vertraut, meint, dass der Staat seit Jahren versage: „Argentinien ist zu einem Drogenparadies geworden. Zuerst hat es niemand glauben wollen, dass die Gefahr besteht, dann haben die Politiker weggeschaut.“ Tatsächlich gilt in Argentinien das ungeschriebene Gesetz der Käuflichkeit von Staatsbeamten und Polizeieinheiten.

San Lorenzo gewann erst letztes Jahr die Copa Libertadores, das südamerikanische Pendant zur europäischen Champions League und wird in naher Zukunft ein neues Stadion im Stadtteil Boedo bauen. Dort ist der Club seit der Gründung beheimatet. Fans sehnen sich seit Jahren nach einer Rückkehr. Der sportliche Erfolg und die Leidenschaft vieler Porteños, wie die Einwohner von Buenos Aires genannt werden, ziehen um. Zurückbleiben wird ein leeres Stadion neben Villa 1-11-14. Die Tristesse wird dort bleiben. Dort, wo Drogen und Gewalt den Alltag bestimmen. Wie an so vielen Orten im Moment in Argentinien. In einem der weitest entwickelten Länder Südamerikas.

 

berliner-zeitung.de: Kokain in Argentinien: Die billigsten Drogen weit und breit – Stand 17.3.2015

fr-online.de: Drogenhandel in Argentinien: Von Drogen regiert – Stand 17.3.2015

Über Christian B. / earthlink

Wenn ich nicht gerade bei EarthLink ein Praktikum mache oder die Welt bereise, studiere ich an der JMU in Würzburg "Political and Social Studies". Inzwischen schon im 5.Semester. Ich interesse mich insbesondere für fremde Kulturen und entwicklungspolitische Themen. Diese Interessen versuche ich bei EarthLink einzubringen und die Arbeit einer NGO kennenlernen.
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