Wie Drogen die Grausamkeit des IS anheizen

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Der Fund von zwei Tonnen Drogen im Privatflugzeug eines saudischen Prinzen im Oktober 2015 in Beirut erzeugte in den Medien empörte Reaktionen – in Saudi-Arabien steht auf den Drogenhandel die Todesstrafe. Für zusätzliche Aufregung sorgten Mutmaßungen, dass die Amphetamine für die Terrororganisation IS gedacht waren.1  Demnach ist das Amphetamin Captagon, das eine aufputschende Wirkung erzeugt, eine beliebte Droge unter IS-Kämpfern. Captagon ist auch in Saudi-Arabien extrem beliebt, besonders unter jungen Süchtigen – der IS profitiert von dem Export.2  Dass die Terrororganisation Drogen für die Aufputschung ihrer Kämpfer und als Finanzquelle nutzt, ist paradox: Nach den Gesetzen der Sharia ist der Drogenkonsum streng verboten.3

In Syrien ist die Wirtschaft aufgrund der anhaltenden Gewalt und internationaler Sanktionen zum Erliegen gekommen. Syrien funktionierte lange als Transitland für Drogen aus Europa, dem Libanon und der Türkei. Diese waren bestimmt für Jordanien, den Irak und die Golfstaaten. Seit dem andauernden Bürgerkrieg spielt der Drogenhandel im Land eine verstärkte Rolle. Immer mehr Menschen produzieren, konsumieren und exportieren Captagon. Der Verlust von staatlicher Führung, der hohe finanzielle Bedarf von bewaffneten Gruppen und die Perspektivlosigkeit begünstigte diese Entwicklung maßgeblich. 2013 wurden etwa sieben Millionen Pillen auf dem Weg von Syrien nach Saudi-Arabien beschlagnahmt. Die Einnahmen aus der Produktion fließen in Waffen und Ausrüstung von verschiedenen, am Bürgerkieg beteiligten Gruppen und heizen so den Konflikt weiter an. Sowohl Rebellenorganisationen als auch regierungstreue Gruppen beschuldigen sich gegenseitig, die aufputschende Wirkung der Droge für Kampfhandlungen zu nutzen. Zunehmend nutzt auch die zivile Bevölkerung die Droge, um dem psychologischen und ökonomischen Druck standzuhalten.4

Der Export von Captagon wird der UN zufolge durch den IS begünstigt. Die Grausamkeit der Terrororganisation sorgt weltweit für Entsetzen, selbst islamistische Gruppen wie die Taliban distanzierten sich von den Taten.5  Neben ideologischem Fanatismus spielen Drogen eine tragende Rolle in der extremen Aggression und Gewalttätigkeit beim Vorgehen der terroristischen Gruppe. So mehren sich Berichte über IS-Kämpfer in Kobane, in deren Besitz Pillen gefunden wurden. Ein gefangener IS-Soldat gibt bei einem Interview an, dass den Kämpfern Drogen verabreicht werden, um während Kampfhandlungen nicht an ihr eigenes Überleben zu denken. Somit wird ein Art Wahnzustand begünstigt, der von extremer Aggression begleitet wird. Außerdem fördert die Einnahme von Drogen wie Captagon die Risikobereitschaft und senkt die Hemmschwelle erheblich.3

Laut dem russischen Chef der Anti-Drogen-Behörde nimmt der IS allein durch den Drogenhandel von Heroin aus Afghanistan rund 1 Milliarde Dollar jährlich ein.6  Nichts desto trotz rief der IS einen Krieg gegen Drogen aus und zerstört weitflächig Cannabisfelder in Syrien.7  Das Vorgehen der islamistischen Gruppe ähnelt anderen terroristischen Akteuren: Auch die Taliban finanzieren sich maßgeblich durch den Drogenhandel, unter ihrer Herrschaft war der Drogenkonsum- und Anbau aber verboten.8

Dies ist in hohem Maße paradox, aber für viele wohl ein Mittel zum Zweck – Um den blutigen Kampf des IS nicht an der menschlichen Hemmschwelle scheitern zu lassen, wird die Einnahme von aufputschenden Mitteln in Kauf genommen. Langfristig führt das wohl zu einer extremen Abstumpfung und Traumatisierung von ganzen Generationen, die durch den IS oft schon im Kindesalter rekrutiert werden.9

  1. New York Post: Saudi prince busted with two tons of ISIS drug and cocaine on his private plane: officials – zuletzt aufgerufen am 02.11.2015 []
  2. CNN: Saudi prince held on suspicion of drug smuggling in Lebanon – zuletzt aufgerufen am 02.11.2015 []
  3. The Stoned Society: Drugs and Isis: The Lethal Connection – nicht mehr verfügbar [] []
  4. Reuters: Insight – War turns Syria into major amphetamines producer, consumer – zuletzt aufgerufen am 02.11.2015 []
  5. Die Welt: Selbst die Taliban verurteilen Gräueltaten des IS – zuletzt aufgerufen am 02.11.2015 []
  6. RT: ISIS economy based on illegal drug trade – Russian anti-drug chief – zuletzt aufgerufen am 02.11.2015 []
  7. Independent Journal: ISIS Has Declared a War on Drugs. Now Heavily Armed Drug Lords Are Banding Together To Fight Back – zuletzt aufgerufen am 02.11.2015; nicht mehr verfügbar []
  8. NBC News: As Heroin Use Grows in U.S., Poppy Crops Thrive in Afghanistan – zuletzt aufgerufen am 02.11.2015 []
  9. Mirror: Did ISIS give child executioner drugs before forcing him to behead a soldier? – zuletzt aufgerufen am 02.11.2015 []

Über hannah / earthlink

Hallo da draußen, im Jahr 2015/16 begleit ich earthlink als Bundesfreiwillige. Neben Recherchearbeiten und dem Schreiben von Artikeln gehört auch das Blumengießen zu meinen speziellen Befähigungen. Auf euch als Interessenten, Sympathisanten und Diskutanten von earthlink frei i mi!
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