Kinder zu Morden gezwungen – Ausweglosigkeit in Mexiko

Schon bald in den Fängen der Mafia? - Symbolbild | Bild: © Yavidaxiu - wikimedia commons

„El Ponchi“

Seit er elf Jahre alt war, hat „El Ponchi“ für die mexikanische Mafia gefoltert und gemordet, und das für einen Lohn von 350 Euro pro Monat. „(Es waren) vier, ich habe sie enthauptet, es fühlte sich hässlich an. Sie haben mich gezwungen, sie hätten sonst mich umgebracht. Ich habe mich mit Marihuana betäubt, damit ich nichts merke.“ Zu den Grausamkeiten der Kartellstreitigkeiten gehören Köpfe, die auf Tanzflächen geworfen werden, in Säure aufgelöste Leichen sowie Tote, die von Brücken baumeln und Massenhinrichtungen.
Die Suche nach Anerkennung, Nervenkitzel, Geld und Zugehörigkeitsgefühl treibt Kinder in die Arme der Kartelle. Über dreitausend Minderjährige sitzen im Gefängnis, da sie im Drogengeschäft arbeiten, vom Kurier bis zum Mörder und Entführer. (2011)1

Bereits Ende 2010 arbeiteten um die 35.000 Kinder für Drogenkartelle in Mexiko Diese Entwicklung hängt wohl mit dem globalen Anstieg an der Teilnahme von Kindern an bewaffneten Konflikten zusammen. In den Jahren 2006-2010 sind allein 1.200 Kinder im War on Drugs gestorben.
Bis zu sieben Millionen Jugendliche sind anfällig für den Beitritt zur organisierten Kriminalität. Sie stellen das schwächste Glied der kriminellen Gruppen dar und gelten somit als „Kanonenfutter“. (( borderlandbeat.com: Up to 35 thousand children work for drug cartels in Mexico – Stand 11.04.2016 ))

Kinder als perfekte Arbeiter für Kartelle

Kinder werden als „Sicaritos“ (Kinder-Mörder) eingestellt,  um Schläge und Folter der Kartelle auszuüben. Diese sind zwischen 11 und 17 Jahre alt. 2010 wurde der 14-Jährige El Ponchi, Edgar Jimenez, festgenommen und wegen vierfachen Mordes angezeigt. Er sagte aus, nicht willentlich zur Gruppe beigetreten, sondern hineingezogen worden zu sein. Bei den Morden war er wohl berauscht von Gras und somit nicht zurechnungsfähig. Kinder sind für die Kartelle wertvoll, da sie so gut wie keinem Risiko bei ihren Straftaten ausgesetzt sind. Sie können strafrechtlich unter 14 Jahren nicht verfolgt werden, es gibt auch keine Sonderautoritäten wie Jugendanwälte oder Jugendrichter, die sich mit diesem speziellen Fall auseinandersetzen. Zudem kennen Kinder den Wert ihrer Arbeit nicht und geben sich somit mit weniger Lohn zufrieden als Männer zwischen 20 und 30 Jahren. Außerdem sind junge Menschen auch leichter zu beeinflussen, vor allem unter Drogeneinfluss. Aufgrund der Unreife sind Kinder zusätzlich angstfreier in der Ausführung von Straftaten. „Denn sie wissen nicht was sie tun.“ Die jungen Rekruten leiden oft unter dem Fehlen des elterlichen Schutzes und werden in die Gruppe, die ihnen Sicherheit gewährt, leicht hineingezogen. Gefahr besteht, wenn sie sich den Regeln der Bosse widersetzen.2

Ab dem Alter von 10 Jahren sind mexikanische Kinder anfällig, in das Drogennetz der organisierten Kriminalität und des Schmuggels zu fallen.

Kritik an mexikanischer Justiz

Die Comisión Interamericana de Derechos Humanos (CIDH) veröffentlichte ein Dokument, in dem sie das besorgniserregende Ausbleiben der Reaktionen lateinamerikanischer Politiker anspricht. Diese sollten Maßnahmen entwickeln, welche die Eingliederung von Kindern und Jugendlichen in kriminellen Jugendbanden und die organisierte Kriminalität unterbinden und strafrechtlich verfolgen. Schon im Alter von 10 und 11 Jahren, manchmal sogar jünger, arbeiten mexikanische Kinder für die Drogenschmuggler.
Viele Jugendliche zwischen 5 und 17 Jahren besuchen weder die Schule, noch studieren oder arbeiten sie. Deswegen waren bisher 1,5 Millionen der sogenannten „Ni-Ni“s („Weder-Noch“s) einfach zu erfassen und auszubeuten, sowohl für Narcos als auch andere Kriminelle.
Mexikanische Vereinigungen und bürgerrechtliche Gesellschaften berichten darüber, dass 9- und 10-Jährige leicht dem Menschenhandel zum Opfer fallen. Noch jüngere Kinder werden gerne als Wachen eingesetzt. Mit 12 Jahren werden sie dann als Betreuer der Rückzugsorte der Gangs eingesetzt und bereits mit 16 tragen sie dann Waffen und nehmen an Entführungen und Morden teil. Somit erfüllen sie einen Part in der ganzen Bandbreite des Drogengeschäfts.

Oft geraten Jugendliche durch Kidnapping in die Fänge der Banden. Können die Eltern das geforderte Lösegeld nicht zahlen, müssen Kinder dieses abarbeiten. Die meist gefährdeten Menschen leben in stigmatisierten Vierteln in der Peripherie, wo die Verarmung vorherrscht. Der Bericht bedauert vor allem den Umgang mit den jungen Straftätern. Es gibt keine gesonderte Gesetzgebung, sowie keine psychologische Betreuung für Insassen, die in der Strafvollzugsanstalt noch einmal großer Gewalt ausgesetzt sind. Die Eingliederung in die Gesellschaft mit mehr Hoffnung auf eine legale Existenzsicherung schrumpft also, anstatt dass sie gefördert wird.
Mädchen sind neben Raub und Erpressungen auch sexueller Gewalt ausgesetzt. Sie müssen mit Gangmitgliedern Beziehungen führen, werden sexuell missbraucht und  gehandelt (und ausgebeutet zum sexuellen Zweck). Für diese Delikte gibt es keine ausreichende politische Aufmerksamkeit. Ganz im Gegenteil werden die Opfer wegen der Ausführung von Prostitution bestraft.3

Lateinamerika ist der Kontinent mit der höchsten Rate an Gewalttätigkeit auf der Welt. Mord ist hier der Hauptgrund für Todesfälle. Auf 100.000 Menschen kommen 30 Totschläge. Bedingt wird diese Situation vor allem durch die großen sozialen Ungleichheiten und den Mangel an Alternativen.
Die Jugendlichen und Kinder, die in den Gebieten der Kartelle leben, leiden unter dem großen Druck und der Bedrohung durch diese, weshalb ihnen meist nichts anderes übrig bleibt, als sich in deren Reihen einzugliedern. Sie suchen nach Möglichkeiten, Schutz, Anerkennung und einem Gefühl der Zugehörigkeit. Diese Ziele sind für sie auf dem legalen Weg außer Reichweite.

Organisierte Kriminalität als beste Alternative für die Existenzsicherung

Die Spuren des Blutes kamen mit dem Fall von „El Ponchi“ in die Öffentlichkeit.

Sieben Millionen Jugendliche gehören zu den Ni-Nis, die weder in der Ausbildung noch beruflich tätig sind. Sie stammen meist aus dysfunktionalen Familien. Schlussendlich landen diese Nachwuchs-Narcos auf den Gehaltslisten der „Asesinos Artistas“ – Mord-Künstler. Lukrativer als Straßenverkäufer, Saisonarbeiter oder Migrant in den USA zu sein, ist es allemal. Ein kurzes Leben voller Adrenalin wird einem langen qualvollen Leben der Perspektivlosigkeit vorgezogen. Ganz nach einem alten mexikanischen Sprichtwort: „Lieber fünf Jahre König als 45 Jahre Ochse“4

 

  1. spiegel.de: „Killer-Kinder“ in Mexikos Drogenkrieg: Im Rausch des Todes – Stand 11.04.2016 []
  2. insightcrime.org: Why Children Are Low-Rish Labor for Latin America´s Drug Gangs – Stand 11.04.2016 []
  3. elblogdelnarco.com:Menores en México, los más susceptibles de entrar al narco – nicht mehr verfügbar []
  4. spiegel.de: „Killer-Kinder“ in Mexikos Drogenkrieg: Im Rausch des Todes – Stand 11.04.2016 []
Dieser Beitrag wurde unter Fall, Internationales abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.