Brasilien: “They Don’t Care About Us“ – Favela-Bewohner fürchten die Polizei mehr als die Drogenbosse

Bild: © Chris Jones [CC BY-NC 2.0] - Flickr

„I’m a victim of police brutality,
I’m tired of bein‘ the victim of hate,
Your rapin‘ me of my pride“

Dies sind Auszüge aus Michael Jacksons weltberühmten Song “They Don’t Care About Us”. Drehort des Musikvideos war Santa Marta, eine Favela der brasilianischen Stadt Rio de Janeiro, die durch dieses Video fragwürdige Berühmtheit erlangte. Schon damals, 1996, thematisierte der King of Pop damit ein nach wie vor existentes Problem: „Sie interessieren sich nicht für uns.“ Bis heute hat die Stadt kein adäquates Mittel gefunden, um gegen die Gewaltexzesse in den Slums der vielleicht schönsten und grausamsten Stadt zugleich, vorzugehen. Lebenslust und das brasilianische Temperament scheinen in den Favelas von Hass, Tod, Sex, Drogen und Gewalt erstickt zu werden. Die Polizei ist daran nicht ganz unschuldig.

Die Bevölkerung hat kein Vetrauen in die Sicherheitskräfte

Die brasilianische Organisation Promundo befragte kürzlich 1.151 Favela-Bewohner Rio de Janeiros zwischen 15 und 59 Jahren. Das Ergebnis: Die Bewohner einiger Elendsviertel fürchten sich natürlich großteils vor illegalen Milizen und Drogenbossen, mindestens genauso sehr, wenn nicht sogar mehr, fürchten sie jedoch die Polizei. Das zeigt einmal mehr, wie sehr die Bevölkerung das Vertrauen in die Sicherheitskräfte verloren hat.  Besonders die nördliche Zone der Stadt ist bekannt für ihre hohen Mordraten. Dort fürchteten sich die Bewohner gleichermaßen vor Polizei (59 Prozent) und Drogenhändlern (58,4 Prozent). In südlichen Gebieten waren die Zahlen sogar noch aussagekräftiger: 53 Prozent hatten Angst vor den Sicherheitskräften, nur 42 Prozent vor den Drogenbossen.1

Gewalt gehört zum Alltag

Das hohe Misstrauen gegenüber der lokalen Polizei ist keineswegs verwunderlich. In der Vergangenheit rühmten sich die Sicherheitskräfte nicht gerade mit rücksichtsvollem Umgang. Gewalt und Totschlag durch die Polizei sind keine Seltenheit. Zwischen 2009 und 2013 sollen etwa 11.000 Bürger von Polizisten getötet worden seien.1  Überhaupt hat Gewaltmissbrauch durch die Polizei eine lange Tradition in den Favelas Rio de Janeiros. Über Jahrzehnte waren die Favelas quasi rechtsfreie Räume, kontrolliert von verschiedenen kriminellen, bewaffneten Drogenbanden. Polizei-Razzien fanden regelmäßig statt. Dabei kam es zu ausufernden Schusswechseln mit den Drogendealern, denen auch Unschuldige zum Opfer fielen. Danach zogen sich die Einsatzkräfte zurück, die Drogenbanden breiteten sich erneut aus und nach einiger Zeit kam es zum nächsten blutigen Aufeinandertreffen. Probleme wurden so nicht gelöst, stattdessen die Spirale aus Gewalt noch intensiviert und immer mehr Menschenleben aufs Spiel gesetzt. Als Rio schließlich zum Gastgeber der FIFA Weltmeisterschaft 2014 und der Olympischen Sommerspiele 2016 gewählt wurde, begann man 2008 mit der Pazifizierung einiger Favelas. Man richtete eine Spezialeinheit ein, die sogenannte Unidade de Polícia Pacificadora (UPP), eine Militärpolizeieinheit zur Befriedung. Nachdem Sondereinheiten die Favelas gestürmt und die schlimmsten Kriminellen beseitigt hatten, sollten die Einheiten der UPP dauerhaft in den Favelas stationiert bleiben, um so der Wiederansiedlung von Drogenkartellen vorzubeugen.2

Gewalt ist nicht mehr wegzudenken aus der Stadt der Gegensätze. Sie ist überall, sogar in der Musik: Eines der Lieder des Favela-Funk, einer Musikrichtung die ihren Ursprung in den Slums des südamerikanischen Landes hat, hat es auch in Deutschland in die Charts geschafft. Die Rede ist von Rap das Armas von Cidinho e Doca, einem DJ-Duo aus Cidade de Deus. Während wir para-papapapapapapapa heiter mitsingen können, handeln die Lyrics von nichts als Waffen und Gewalt:

„Der Hügel Dendê (Favela in Rio) ist nur schwer einnehmbar, wir und die Polizisten werden viel Spaß beim Schusswechsel haben. Einer der Polizisten mit einer AR-15, ein anderer mit einem 12-Kaliber in der Hand. Noch einer mit einer Pistole und andere mit 38 Kaliber Revolvern. Dann kommt noch einer mit einer URU Maschinenpistole, der auf den Polizei-Van aufpasst…Aber wenn der ein Cop ist, dann macht er’s nicht bis morgen, ich werden diesen Bastard töten, ich erschieß ihn…die Polizisten sind alle korrupt, sie kommen mit alten Waffen, schießen und fliehen dann verängstigt.“ (sinngemäß)

Die brasilianische Strategie im War on Drugs ist gescheitert

Seit 2014 ist der brasilianische Kokain-Markt, nach dem US-amerikanischen, der zweitgrößte weltweit. Im größten Land des Kontinents werden 18% des weltweiten Kokains konsumiert, überwiegend in Vierteln, die Spitznamen wie „Cracolândia“ tragen.3 Auf offener Straße bieten Dealer in den Favelas die verschiedensten Drogen an.4 In diesen Slums lebt ein Drittel der Bevölkerung Rios, etwa zwei Millionen Menschen. Sie gehören ebenso zu Rio wie der Zuckerhut oder der Cocorvado. Wie viele Favelas genau es in Rio gibt, ist unklar, Schätzungen gehen von rund 1000 aus. Seit 2008 sind mehr als 200 Gebiete befriedet worden.5 Drogensyndikate wie das „Rote Kommando“, „Amigos dos Amigos“ und das „Reine Dritte Kommando“ wurden mit Panzern und Maschinengewehren entmachtet und haben sich oftmals in andere Favelas zurückgezogen. Dennoch leben Dealer, Kuriere und einige Drogenbosse weiterhin auch in den befriedeten Favelas. Zwar wenden sie weniger Gewalt an und morden nicht mehr, Drogen verkaufen sie aber weiterhin. Die Staatsmacht schaut weg, um des Friedens willen.5

“Brasiliens Strategie im War on Drugs ist gescheitert. Das Drogen und Gewaltproblem und die Krise der öffentlichen Sicherheit konnten nicht gelöst werden, stattdessen hinterlässt diese Politik Leid und Zerstörung und dezimiert einen Großteil der jungen, männlichen und vor allem schwarzen Bevölkerung“, resümiert Atila Roque, Leiter von Amnesty International Brasilien.6 Doch die Befriedung der Slums geht weiter, trotz der vielen Kritik, die diese Strategie  erntet: das Problem werde nur in andere, von den Gangs kontrollierte Gebiete verlagert, der Drogenhandel werde weiterhin geduldet, das Vorgehen der Sicherheitskräfte sei zu grausam. Und tatsächlich muss Rio im Bereich der Sicherheitskräfte endlich strikter werden. Die Opferzahlen von Polizeigewalt müssen endlich zurückgehen. mit 645 Todesopfern im Jahr 2015 sind im Vergleich zu 2013 die Mordraten durch Polizeigewalt um 54% angestiegen. Allein in 2015 war die Polizei für jeden fünften Mord in Rio verantwortlich – und das weitestgehend straffrei.6 Auch wenn die Straßen der Favelas von Gewalt regiert werden und ein gewaltsamer Polizeieinsatz oftmals der einzige Ausweg zu sein scheint – außergerichtliche Exekutionen müssen verfolgt werden. Solang die Polizisten keine Rechenschaft abgeben müssen, wird auch die Gewalt weiterhin eskalieren.

My dear authority, I don’t know what to do
With such violence, I’m afraid to live
‚Cause I live in a favela and am very disrespected
The sadness and the joy walk here side by side
I do a prayer to a protector saint
But am interrupted by shots of a machine gun
While rich live in a big and beautiful house
The poor are humiliated and told off in the favela
No longer do I stand this wave of violence
I just ask from the authority a little more competence.

Rap de Felicidade – Cidinho e Doca

  1. InSight Crime: Rio Favelas Fear Police More Than Drug Traffickers: Survey; 19.05.2016 [] []
  2. Spiegel Online: Staatsgewalt in Rio de Janeiro: Wenn die Polizei schlimmer ist als die Gangster; 08.10.2013 []
  3. The Globe and Mail: Crack cocaine is king in Brazil: What Sao Paulo is doing about it; 26.04.2014 []
  4. InSight Crime: Inside the ‚Cracklands‘ of Rio de Janeiro’s Favelas; 11.08.2014 []
  5. Die Welt: „Die wichtigste Regel: Kommen Sie niemals allein“; 10.06.2016 [] []
  6. Amnesty International: Brazil: Surge in killings by police sparks fear in favelas ahead of Rio Olympics; 27.04.2016 [] []

Über Alexa / earthlink

Mein Name ist Alexa Lenz, ich bin 23 und Studentin der Politikwissenschaft. Besonders interessiere ich mich für Internationale Politik und für den Raum Lateinamerika. Auch Entwicklungspolitik finde ich sehr spannend, weshalb ich momentan als Praktikantin bei Earthlink arbeite.
Dieser Beitrag wurde unter Allgemein, Internationales abgelegt und mit , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.