Syrien: Die Auswirkungen der „Dschihadisten-Droge“

Kriegsmunition

Bild: © Moyan Brenn [CC BY 2.0] - Flickr

Kaltblütig und zombieartig sollen die Attentäter vom 13. November 2015 in Paris nach Zeugenberichten gewesen sein, während sie völlig ruhig und gefasst Menschen niederschossen. Kurz darauf entdeckte die Pariser Polizei im Hotelzimmer des Attentäters Salah Abdeslam Hinweise auf die Droge Captagon. Beamte vermuten, dass sie von den Tätern als Vorbereitungsmaßnahme für den Anschlag konsumiert wurde.1

Captagon ist der Handelsname für den Arzneistoff Fenetyllin. Das Stimulanz kam 1961 auf den deutschen Markt, um Hyperaktivität, Depressionen und Narkolepsie zu behandeln. Die Substanz macht allerdings schnell abhängig und hat starke Nebenwirkungen. Deswegen wird Fenetyllin nicht mehr eingesetzt und ist inzwischen in den meisten Ländern und von der Welt-Doping-Agentur verboten.2

Captagon wirkt aufputschend. Durch die Einnahme gelangen Theophyllin und Amphetamin über den Blutkreislauf ins Gehirn. Dort wird verstärkt Dopamin ausgeschüttet. Die körperliche Ermüdung wird verzögert, die Konzentration erhöht und Leistungen angekurbelt. Außerdem werden Gefühle wie Hunger, Schmerz, Furcht und Risikobewusstsein gedämpft. Die Gefahr ist, dass Konsumenten zu wenig essen, trinken und schlafen, während ihr Körper gleichzeitig enorm viel Energie benötigt und somit überbeansprucht wird. Das kann zum Zusammenbruch, zur Veränderung der Persönlichkeit, zu Hirnschäden und Psychosen und letztendlich zum Tod führen.2

Heute ist Captagon überwiegend im Libanon, in Syrien, Jordanien und Saudi-Arabien verbreitet.2 Vor allem in Syrien blüht der Handel im Chaos des Bürgerkrieges, der eine enorme Nachfrage schafft. Allein 2014 sollen laut dem „Time“-Magazin und The Guardian Millionen Dollar durch den Drogenschmuggel von Captagon ins Land gekommen sein. Wer genau vom Handel profitiert, ist wegen der mangelnden Transparenz schwierig nachzuweisen. Vermutlich finanzieren sich die Rebellen ihre Waffen durch das Rauschgift.1

Inzwischen ist Captagon auch unter dem Namen „Dschihadisten-Droge“ bekannt. Die Kämpfer des sogenannten Islamischen Staates sollen sie wegen ihrer gefühlsbetäubenden Wirkung bei Angriffen nutzen, um die Hemmschwelle des Tötens zu senken und sich körperlich aufzuputschen, wie auch die Pariser Attentäter.1 Ein ehemaliger syrischer Kämpfer erzählt von der Wirkung: „Wir wurden mutig und energiegeladen, die Müdigkeit und die Angst verschwanden.“3

Eigentlich dürften die IS-Kämpfer keine Drogen einnehmen, da der Konsum gegen die religiösen Vorschriften des Islams verstößt, erzählt ein ehemaliger Extremist.4 Doch selbst die unter dem Missbrauch stehende Todesstrafe schreckt wenige Kämpfer ab. Das zeigte sich im Mai 2016: Die griechische Polizei beschlagnahmte  große Mengen an Captagon im Hafen vom Piräus auf einem libyschen Frachter. Die rund 26 Millionen Pillen im Wert von 13 Millionen Euro waren angeblich auf dem Weg von Indien nach Libyen, von wo aus sie laut der griechischen Polizei und der DEA an den sogenannten Islamischen Staat geliefert werden sollten.5

Drogen werden häufig in Kriegen verwendet – sowohl zum Aufputschen der Kämpfer als auch zur Finanzierung. So soll während des Bürgerkrieges in Liberia beispielsweise Kokain eingesetzt und verkauft worden sein. Im Falle Syriens werden durch den Handel mit Captagon Waffen finanziert und Kampfhandlungen unterstützt. Die Drogenwirtschaft macht das Land noch instabiler und verlängert den Konflikt. Aber solange die Nachfrage bestehen bleibt, wird Captagon vermutlich weiterhin produziert und gehandelt werden.2

  1. The Huffington Post: Waren die Pariser-Attentäter unter Einfluss von Captagon? – veröffentlicht am 27.11.2015 [] [] []
  2. Focus: Kämpfer wie Zombies – veröffentlicht am 26.11.2015 [] [] [] []
  3. Handelsblatt: Drogen für den Bürgerkrieg – veröffentlicht am 04.04.2016 []
  4. n-tv: Bürgerkrieg befeuert den Drogenhandel – veröffentlicht am 19.03.2016 []
  5. n-tv: Dschihadisten-Droge in Piräus abgefangen – veröffentlicht am 03.06.2016 []

Über Elena / earthlink

Ich habe gerade meinen Bachelor in Ethnologie mit Nebenfach Rechtswissenschaften abgeschlossen. Mein Studium habe ich gewählt, weil mich völkerrechtliche Probleme in unserer globalen Welt interessieren. Ich freue mich, bei EarthLink die nächsten zwei Monate jede Menge über aktuelle Themen zu lernen.
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